Musikalische Berichte aus Paris. 289
eine Dame, die ich im Verdacht habe, eine Deutsche zu sein, produziertesich auf den Brettern der Rue Lepetletier. Sie soll außerordentlichtugendhaft sein, und singt sehr falsch. Mau behauptet, nicht bloßder Gesang, sondern alles an ihr, die Haare, zwei Drittel ihrer Zähne,die Hüften, der Hinterteil, alles sei falsch, nur ihr Atem sei echt;die frivolen Franzosen werden dadurch gezwungen sein, sich ehrfurchts-voll entfernt von ihr zu halten. Unsere Primadonna, Madame Stolz,wird sich nicht länger behaupten können, der Boden ist unterminiert,und obgleich ihr als Weib alle Geschlechtslist zu Gebote steht, wirdsie doch am Ende von dem großen Giacomo Macchiavelli über-wunden, der die Viardot-Garcia an ihrer Stelle engagiert sehenmöchte, um die Hauptrolle in seinem „Propheten" zu singen.Madame Stolz sieht ihr Schicksal voraus, sie ahnt, daß selbst dieAffenliebe, die ihr der Direktor der Oper widmet, ihr nichts helfenkann, wenn der große Meister der Tonkunst seine Künste spielenläßt; und sie hat beschlossen, freiwillig Paris zu verlassen, niewieder zurückzukehren und in fremden Landen ihr Leben zu beschließen.InM'ntn palria, sagte sie jüngst, ns ossn guicksm rasa stabslüs.In der That, seit einiger Zeit besteht sie wirklich nur noch ansHaut und Knochen. >
Bei den Italienern, in der Opera buffa, gab eS vorigen Winterebenso brillante Fiaskos wie in der großen Oper. Auch über dieSänger wurde dort viel geklagt, mit dem Unterschied, daß die Italienermanchmal nicht singen wollten, und die armen französischen Sanges-heldcn nicht singen konnten. Nur das kostbare Nachtigallenpaar,Signvr Mario und Signora Grisi, waren immer pünktlich ans ihremPosten in der Salle Ventadour, nnd trillerten uns dort den blühendstenFrühling vor, während draußen Schnee und Wind, und Fortepiano-konzertc, und Deputiertenkammerdebatten, und Polkawahnsinn. Ja,das sind holdselige Nachtigallen, und die italienische Oper ist derewig blühende singende Wald, wohin ich oft flüchte, wenn winter-licher Trübsinn mich umnebelt oder der Lebensfrost unerträglich wird.Dort, im süßen Winkel einer etwas verdeckten Loge, wird man wiederangenehm erwärmt, und man verblutet wenigstens nicht in der Kälte.Der melodische Zauber verwandelt dort in Poesie, was eben nochtäppische Wirklichkeit war, der Schmerz verliert sich in Blumen-arabcsken, und bald lacht wieder das Herz. Welche Wonne, wennMario singt, und in den Augen der Grisi die Töne des geliebtenSprossers sich gleichsam abspiegeln wie ein sichtbares Echo! WelcheLust, wenn die Grisi singt, nnd in ihrer Stimme der zärtliche Blickund das beglückte Lächeln des Mario melodisch wiederhallt! Es istein liebliches Paar nnd der persische Dichter, der die Nachtigall dieRose unter den Vögeln nnd die Rose wieder die Nachtigall unterden Blumen genannt hat, würde hier erst recht in ein JmbroglioHcinc 's Werke. X. Bd. 19