286 Französische Zustände. II.
geworden, daß es kein Mensch, viel weniger eine Muse, aushaltenkann, dergleichen anzuhören. Wenn das noch länger dauert, werdenauch die andern Töchter der Mnenwshne sich vom Dach stürzen, undes wird bald gefährlich sein, des Abends über die Rue Lepelletier zugehen. Bon der schlechten Musik, die hier in der großen Oper seiteiniger Zeit grassiert, will ich gar nicht reden. Donizeiti ist in diesemAugenblick noch der beste, der Achilles. Man kann sich also leichteine Vorstellung machen von den geringeren Heroen. Wie ich höre,hat auch jener Achilles sich in sein Zelt zurückgezogen; er bvudiert,Gott weiß warum! und er ließ der Direktion melden, daß er dieversprochenen fünfundzwanzig Opern nicht liefern werde, da er gesonnen sei, sich auszuruhen. Welche Prahlerei! Wenn eine Wind-mühle dergleichen sagte, würden wir nicht weniger lachen. Entwederhat sie Wind und dreht sich, oder sie hat keinen Wind und steht still.Herr Donizetti hat aber hier einen rührigen Vetter, Signor Accursi,der beständig für ihn Wind macht, und mehr als not thut; dennDonizetti ist, wie gesagt, der beste unter den Komponisten des Tages.
Der jüngste Kunstgenuß, den uns die tl.oacksrnio cks inusigus,geboten, ist der Lazzarone von Halsvh.*) Dieses Werk hat eintrauriges Schicksal gehabt; es siel durch mit Pauken und Trompeten,llber den Wert enthalte ich mich jeder Äußerung, ich konstatiere bloßsein schreckliches Ende.
Jedesmal, wenn in der ^.oacismig ckg inusigug oder bei denBouffes eine Oper durchfällt oder sonst ein ausgezeichnetes Fiaskogemacht wird, bemerkt man dort eine unheimliche hagere Figur mitblassem Gesicht und kohlschwarzen Haaren, eine Art männlicher Ahnfrau, deren Erscheinung immer ein musikalisches Unglück bedeutet.Die Italiener, sobald sie derselben ansichtig, strecken hastig den Zeige-nnd Mittelfinger aus und sagen, das sei der Jettatore. Die leicht-sinnigen Franzosen aber, die nicht einmal einen Aberglauben haben,zucken bloß die Achsel und nennen jene Gestalt Monsieur Spvntini.
*) In der Augsburger Allgemeinen Zeitung findet sich der nachfolgendeSchluß dieses Absahes: „Dieses Werk hat ein schreckliches Schicksal gehabt. Halövyhat hier sein Waterloo gefunden, ohne je ein Napoleon gewesen zu sein. Dasgrößere Mißgeschick ist für ihn bei dieser Gelegenheit der Abfall von MoritzSchlesinger. Letzterer war immer sein Pylades, und wenn Orestes Halövy auchdie verfehlteste Oper schrieb und sie noch so kläglich durchfiel, so ging doch derFreund immer ruhig für ihn in den Tod und druckte das Opus. In einer Zeitder Selbstsucht war ein solches Schauspiel freundschaftlicher Selbstaufopferungimmer sehr erfreulich, sehr erquickend. Jetzt aber behauptet Pylades. der Wahn-sinn seines Freundes sei so gestiegen, daß er nichts mehr von ihm verlegen könnte,ohne selbst verrückt zu sein."
In der französischen Ausgabe lautet der Schluß des obigen Absatzes inwesentlich anderer Fassung: „Es ist das Werk eines großen Künstlers, und ichweiß nicht, weshalb es durchgefallen ist. Herr Halövy ist vielleicht zu sorgloserNatur und kajoliert nicht hinlänglich Herrn Alexander, den Entrepreneur derBühnenerfolge und den großen Freund Meyerbcers." Der Herausgeber.