Musikalische Berichte aus Paris. 285
die ebenso kunstsinnig wie fabelhaft, z. B. den König ArthnS, Dietrichvan Bern, Ogier den Dänen n, a. Und welche Damen würden ihmhier applaudieren! Die blanden Hannoveranerinnen mögen gewißhübsch sein, aber sie sind doch nur Heidschnncken in Vcrgleichnng miteiner Fee Mclior, mit der Dame Abrinde, mit der Königin Genevra,der schönen Melusine nnd andern berühmten Frauenspersonen, diesich am Hose der Königin Morgane in Avalun aufhalten. Air diesemHofe fair keinem andern) hoffen wir einst dem vortrefflichen Künstlerzu begegnen, denn auch uns hat man dort eine vorteilhafte An-stellung versprochen.
Zweiter Bericht.
Paris, dc» l. Mai 1844.
Die tl.enäsinis ro^nls äs wnsrgus, die sogenannte große Oper,befindet sich bekanntlich in der Rue Lepclletier, ungefähr in der Mitte,der Restauration von Paolo Broggi gerade gegenüber. Broggi istder Name cincS Italieners, der einst der Koch von Rossini war. Alsletzterer voriges Jahr nach Paris kam, besuchte er auch die Trattvrinseines ehemaligen Dieners, und nachdem er dort gespeist, blieb ervor der Thüre lange Zeit stehen, in tiefem Nachdenken das großeOperngcbände betrachtend. Eine Thräne trat in sein Auge, und alsjemand ihn frug, weShalb er so wehmütig bewegt erscheine, gab dergroße Maestro zur Antwort: Paolo habe ihm sein Leibgericht, Raviolimit Parmesankttsc, zubereitet wie ehemals, aber er sei nicht imstandegewesen, die Hälfte der Portion zu verzehren, und auch diese drückeihn jetzt; er, der ehemals den Magen eines Straußes besessen, könneheutzutage kaum so viel vertragen wie eine verliebte Turteltaube.
Wir lassen dahingestellt sein, inwieweit der alte Spottvogelseinen indiskreten Frager mystifiziert hat, und begnügen uns heute,jedem Musikfreund zu raten, bei Broggi eine Portion Ravioli zuessen, nnd nachher ebenfalls, einen Augenblick vor der Thüre derRestauration verweilend, das Hans der großen Oper zu betrachten.Es zeichnet sich nicht ans durch brillanten Luxus, es hat vielmehrdas Äußere eines sehr anständigen Pferdestalls, nnd das Dach istplatt. Auf diesem Dach stehen acht große Statuen, welche Musenvorstellen. Eine neunte fehlt, nnd ach! Das ist eben die Mnse derMusik. Über die Abwesenheit dieser sehr achtnngswerten Mnse sinddie sonderbarsten Auslegungen im Schwange. Prosaische Leute sagen,ein Sturmwind habe sie vom Dache hernntergcwvrfcn. PoetischereGemüter behaupten dagegen, die arme Polyhymnia habe sich selbsthinabgestürzt, in einem Anfall von Verzweiflung über das miserableSingen von Monsieur Duprcz nnd Madame Stolz. Das ist immermöglich; die zerbrochene Glasstimmc von Duprcz ist so mißtönend