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10 (1898) Französische Zustände : 2
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Musikalische Berichte auS Pari?., 281

klatschte! Auch Bvngnets wurden ihm zu Füßen geworfen! ES warein erhabener Anblick, wie der Triumphator mit Seelenruhe dieBlumensträuße auf sich regnen ließ, und endlich, graziös lächelnd,eine rote Kamelie, die er aus einem solchen Bonquct hervorzog, anseine Brust steckte. Und dieses that er in Gegenwart einiger jungenSoldaten, die eben ans Afrika gekommen, wo sie keine Blumen,sondern bleierne Kugeln auf sich regnen sahen und ihre Brust mitden roten Kamelien des eigenen Hcldenblutes geziert ward, ohne daßman hier oder dort davon besonders Notiz nahm. Sonderbar! dachteich, diese Pariser, die den Napoleon gesehen, der eine Schlacht nachder andern liefern mußte, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, diesejubeln seht unserem Franz Liszt! Und welcher Jubel! Eine wahreVerrücktheit, wie sie unerhört in den Annalcn der Furore! Wasist aber der Grund dieser Erscheinung? Die Lösung der Frage ge-hört vielleicht eher in die Pathologie als in die Ästhetik,*) Ein Arzt,dessen Specialität weibliche Krankheiten sind, und den ich über denZauber befragte, den unser Liszt auf sein Publikum ausübt, lächelteäußerst sonderbar und sprach dabei allerlei von Magnetismus, Gal-vanismus, Elcktricität, von der Kontagion in einem schwülen, mitunzähligen Wachskerzen und einigen hundert parfümierten undschwipenden Menschen angefüllten Saale, von Histrionalepilepsis, vonden Phänomenen des Kitzelns, von musikalischen Kantharidcn undandern scabrosen Dingen, welche, glaube ich, Bezug haben auf dieMysterien der bona. cksa,. Vielleicht aber liegt die Lösung der Fragenicht so abenteuerlich tief, sondern auf einer sehr prosaischen Ober-fläche, Es will mich manchmal bedünken, die ganze Hexerei ließesich dadurch erklären, daß niemand ans dieser Welt seine Snccesse,oder vielmehr die Uiss sn sosns derselben, so gut zu organisierenweiß, wie unser Franz Liszt, In dieser Kunst ist er ein Genie, einPhiladelphia, ein Bvsko, ein Hondin, ja, ein Meycrbeer, Die vor-nehmsten Personen dienen ihm gratis als Compörcs, und seineMietcnthusiasten sind musterhaft dressiert. Knallende Champagner-flaschen und der Ruf von verschwenderischer Freigebigkeit, ausposauntdurch die glaubwürdigsten Journale, lockt Rekruten in jeder Stadt,Nichtsdestoweniger mag es der Fall sein, daß unser Franz Lisztwirklich von Natur sehr spendabel und frei wäre von Geldgeiz, einemschäbigen Laster, das so vielen Virtuosen anklebt, namentlich denItalienern, und das wir sogar bei dem flötcnsüßcn Rnbini finden,von dessen Filz eine in jeder Beziehung sehr spaßhafte Anekdote er-

*) Iii der Augsburger Allgemeinen Zeitung lautet der Schluß dieses Ab-satzes: „Die elektrische Wirkung einer dämonischen Natur auf eine zusammen-gepreßte Menge, die ansteckende Gewalt der Ekstase, und vielleicht der Magnetismusder Musik selbst, dieser spiritnalistischen Zeitkranthcit. welche fast in uns allenvibriert — diese Phänomene sind mir noch nie so deutlich und so beängstigendentgegengetreten, wie in dem Konzert von Liszt." Der Heransgeber.