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10 (1898) Französische Zustände : 2
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280 Französische Zustünde. II.

schon bei der Nachricht seines Kommens erzitterten, nnd die minwieder unter seiner Hand zucken, bluten und wimmern, daß die Tier-guttlergesellschaft sich ihrer annehmen sollte! Er ist hier, das tolle,schöne, häßliche, rätselhafte, fatale und mitunter sehr kindische Kindseiner Zeit, der gigantische Zwerg, der rasende Roland mit demungarischen Ehrensäbcl, der heute kerngesunde, morgen wieder sehrkranke Franz Liszt, dessen Zauberkraft uns bezwingt, dessen Geniusuns entzückt, der geniale Hans Narr, dessen Wahnsinn uns selberden Sinn verwirrt, und dem wir in jedem Fall den lostalen Diensterweisen, daß wir die große Furore, die er hier erregt, zur öffentliehen Kunde bringen. Wir konstatieren unumwunden die Thatsachedes ungeheueren Succeß; wie wir diese Thatsache nach unserem Privat-bedünken ausdeuten und ob wir überhaupt unseren Privntbcisall demgefeierten Virtuosen zollen oder versagen, mag demselben gewiß gleich-gültig sein, da unsere Stimme nur die eines einzelnen und unsereAutorität in der Tonkunst nicht von sonderlicher Bedeutung ist.

Wenn ich srüherhin von dem Schwindel hörte, der in Deutsch-land nnd namentlich in Berlin ausbrach, als sich Liszt dort zeigte,zuckte ich mitleidig die Achsel und dachte: Das stille sabbathlicheDeutschland will die Gelegenheit nicht versäumen, um sich ein bißchenerlaubte Bewegung zu macheu, es will die schlaftrunkenen Gliederein wenig rütteln, und meine Abdcritcn an der Spree kihcln sichgern in einen gegebenen Enthusiasmus hinein, nnd einer deklamiertdem andern nach: „Amor, Beherrscher der Menschen und der Götter!"Es ist ihnen, dacht' ich, bei dem Spektakel um den Spektakel selbstzu thun, um den Spektakel an sich, gleichviel wie dessen Veranlassungheiße, Georg Herwegh, Saphir, Franz Liszt oder Fanny ElSlcr; wirdHerwegh verboten, so hält man sich an Liszt, der unverfänglich nndnnkompromittiercnd. So dachte ich, so erklärte ich mir die Lisztomanic,und jch nahm sie für ein Merkmal des Politisch unfreien Zustandesjenseit des Rheines. Aber ich habe mich doch geirrt, und das merkteich erst vorige Woche im italienischen Opernhaus, wo Liszt sein erstesKonzert gab nnd zwar vor einer Versammlung, die man wohl dieBlüte der hiesigen Gesellschaft nennen konnte. Jedenfalls waren eswachende Pariser, Menschen, die mit den höchsten Erscheinungen derGegenwart vertraut, die mehr oder minder lange mitgelebt hattendas große Drama der Zeit, darunter so viele Invaliden aller Kunst-genüsse, die müdesten Männer der That, Frauen, die ebenfalls sehrmilde, indem sie den ganzen Winter hindurch die Polka getanzt, eineUnzahl beschäftigter und blasierter Gemüter — das war kein deutsch-sentimentales, berlinisch-anempfindelndes Publikum, vor welchem Lisztspielte, ganz allein, oder vielmehr nur begleitet von seinem Genius.Und dennoch, wie gewaltig, wie erschütternd wirkte schon seine bloßeErscheinung! Wie ungestüm war der Beifall, der ihm entgegen-