Musikalische Berichte aus Paris. 279
über der Hansthüre zu sehen. Hilters Kompositionen erinnern abernie an solch unmusikalische Bestie, sondern nur an Nachtigallen,Lerchen und sonstiges Frühlingsgevögel.
An konzertgebenden Pianisten hat es auch dieses Jahr nicht ge-fehlt. Namentlich die Jden des März waren in dieser Beziehungsehr bedenkliche Tage. Das alles klimpert drauf los und will gehörtsein, und sei es auch nur zum Schein, um jenseits der Barriere vonParis sich als große Celcbrität gebärden zu dürfen. Den erbetteltenoder erschlichenen Fetzen Feuilletonlob wissen die Kunstjünger, zumalin Teutschland, gehörig auszubeuten, und in den dortigen Reklamenheißt es. dann, das berühmte Genie, der große Rudolf W. sei an-gekommen, der Nebenbuhler von Liszt und Thalberg, der Klavier-Heros, der in Paris so großes Aufsehen erregt habe und sogar vondem Kritiker Jules Janin gelobt worden, Hosianna! Wer nun einesolche arme Fliege zufällig in Paris gesehen hat, und überhauptweiß, wie wenig hier von noch weit bedeutenderen PersonnagenNotiz genommen wird, findet die Leichtgläubigkeit des Publikumssehr ergötzlich, und die plumpe Unverschämtheit der Virtuosen sehrekelhaft. Das Gebrechen aber liegt tiefer, nämlich in dem Zustandunserer Tagcspresse, und dieser ist wieder nur ein Ergebnis fatalererZustände. Ich muß immer darauf zurückkommen, daß es nur dreiPianisten giebt, die eine ernste Beachtung verdienen, nämlich: Chopin,der holdselige Tondichter, der aber leider auch diesen Winter sehrkrank und wenig sichtbar war; dann Thalbcrg, der musikalische Gentle-man, der am Ende gar nicht nötig hätte, Klavier zu spielen, umüberall als eine schöne Erscheinung begrüßt zu werden, und der seinTalent auch wirklich nur als eine Apanage zu betrachten scheint;und dann unser Liszt, der trotz aller Verkehrtheiten und verletzendenEcken dennoch unser teuerer Liszt bleibt, und in diesem Augenblickwieder die schöne Welt von Paris in Aufregung gesetzt. Ja, er isthier, der große Agitator, unser Franz Liszt, der irrende Ritter allermöglichen Orden )mit Ausnahme der französischen Ehrenlegion, dieLudwig Philipp keinem Virtuosen geben will); er ist hier, der hohen-zollern-hechingcnsche Hvfrat, der Doktor der Philosophie und Wunder-doktor der Musik, der wieder auferstandene Rattenfänger von Hameln,der neue Faust, dem immer ein Pudel in der Gestalt Bellonis folgt,der geadelte und dennoch edle Franz Liszt! Er ist hier, der moderneAmphion, der mit den Tönen seines Saitenspiels beim Kölner Dom-ban die Steine in Bewegung setzte, daß sie sich zusammenfügten, wieeinst die Mauern von Theben! Er ist hier, der moderne Homer,den Deutschland, Ungarn und Frankreich, die drei größten Länder,als Landeskind reklamieren, während der Sänger der Jlias nur vonsieben kleinen Provinzialstädten in Anspruch genommen ward! Erist hier, der Attila, die Geißel Gottes aller Erardschcn Pianos, die