278 Französische Zustände. II.
der Ästhetik nachzudenken. Namentlich werden wir bei ihm immeran die große Frage erinnert: Was ist der Unterschied zwischen Kunstund Lüge? Wir bewundern bei diesem Meister zumeist sein großesTalent sür Form, für Stilistik, sein Bcgabnis, sich das Außerordentlichste anzueignen, seine reizend schone Faktur, sein seines Eidechsen-ohr, seine zarten Fühlhörner und seine ernsthafte, ich möchte fastsagen passionierte Indifferenz. Suchen wir in einer Schwesterkunstnach einer analogen Erscheinung, so finden wir sie diesmal in der Dicht-kunst, und sie heißt Ludwig Tieck. Auch dieser Meister wußte immerdas Vorzüglichste zu reproduzieren, sei es schreibend oder vorlesend,er verstand sogar das Naive zu macheu, und er hat doch nie etwasgeschaffen, was die Menge bezwang und lebendig blieb in ihremHerzen.*) Dem begabteren Mendelssohn würde es schon eher ge-lingen, etwas ewig Bleibendes zu schaffen, aber nicht auf dem Boden,wo zunächst Wahrheit und Leidenschaft verlangt wird, nämlich aufder Bühne; auch Ludwig Tieck, trotz seinem hitzigsten Gelüste, konntees nie zu einer dramatischen Leistung bringen.
Außer der Meudelsohnschen Symphonie hörten wir im Con-servatoire mit großem Interesse eine Symphonie des seligen Mozart,und eine nicht minder talentvolle Komposition von Händel. Siewurden mit großem Beifall aufgenommen. Diese beiden, Mozartund Händel, haben es endlich dahin gebracht, die Aufmerksamkeit derFranzosen auf sich zu ziehen, wozu sie freilich viel Zeit bedurften,da keine Propaganda von Diplomaten, Pietisten und Bankiers sürsie thätig war.
Unser vortrefflicher Landsmann Ferdinand Hiller genießt unterden wahrhaft Kunstverständigen ein zu großes Ausehen, als daß wirnicht, so groß auch die Namen sind, die wir eben genannt, denscinigeu hier unter den Komponisten erwähnen dürften, deren Arbeitenim Couservatoire die verdiente Anerkennung fanden. Hiller ist mehrein denkender als ein fühlender Musiker, und man wirft ihm nochobendrein eine zu große Gelehrsamkeit vor. Geist und Wissenschaftmögen wohl manchmal in den Kompositionen dieses Doktrinärs etwaskühlend wirken, jedenfalls aber sind sie immer anmutig, reizend undschön. Von schiefmäuligcr Excentricitttt ist hier keine Spur, Hilterbesitzt eine artistische Wahlverwandtschast mit seinem LandsmannWvlfgaug Goethe. Auch Hiller ward geboren zu Frankfurt, wo ichbei meiner letzten Durchreise sein väterliches Haus sah; es ist ge-nannt „Zum grünen Frosch", und das Abbild eines Frosches ist
Der Schluß dieses Absatzes lautet iu der AugSburger Allgemeinen Zeitung,wie folgt: „Beiden eigen ist der hitzigste Wunsch nach dramatischer Leistung, undauch Mendelssohn wird vielleicht alt und mürrisch werden, ohne etwas wahrhastGroßes auf die Bretter gebracht zu haben. Gr wird es wohl versuchen, aber esmuß ihm mißlingen, da hier Wahrheit und Leidenschaft zunächst begehrt werden."
Der Herausgeber.