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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalische Berichte ans PariZ. 277

fanden den gebührenden Applaus, und selbst die trägsten Gemüterwurden fortgerissen von der Gewalt des Genius, der sich in allenSchöpfungen des großen Meisters bekundet. Hier ist ein Flügel-schlag, der keinen gewöhnlichen Sangcsvogel verrät, das ist einekolossale Nachtigall, ein Sprosser von Adlersgröße, wie es deren inder Urwelt gegeben haben soll. Ja, die Berliozijche Musik über-haupt hat für mich etwas Urmeltliches, wo nicht gar Antedilnvianischcs,und sie mahnt mich an untergegangene Tiergattnngen, an fabelhafteKönigstiimer und Sünden, an aufgetürmte Unmöglichkeiten, anBabylon, an die hängenden Gärten der Semiramis, an Ninive, andie Wunderwerke von Mizraim, wie wir dergleichen erblicken auf denGemälden des Engländers Martin, In der Thai, wenn wir unsnach einer Analogie in der Malerkunst umsehen, so finden wir diewahlverwandteste Ähnlichkeit zwischen Berlioz und dem tollen Briten,derselbe Sinn für das Ungeheuerliche, für das Riesenhafte, fürmaterielle Unermeßlichkeit, Bei dem einen die grellen Schatten- undLicht-Effekte, bei dem andern kreischende Instrumentierung; bei demeinen wenig Melodie, bei dem andern wenig Farbe, bei beiden wenigSchönheit und gar kein Gemüt, Ihre Werke sind weder antik nochromantisch, sie erinnern weder an Griechenland noch an das katho-lische Mittelalter, sondern sie mahnen iveit höher hinauf an dieassyrisch-babylonisch-ägyptische Architektur-Periode und an die massen-hafte Passion, die sich darin aussprach.

Welch ei» ordentlicher moderner Mensch ist dagegen unser FelizMendelssvhn-Barthvldh, der hvchgcfeierte Landsmann, den wir heutezunächst wegen der Symphonie erwähnen, die im Konzertsaale desEonscrvatoires von ihm gegeben worden. Dem thätigeu Eifer seinerhiesigen Freunde und Gönner verdanken wir diesen Genuß, Ob-gleich diese Symphonie Mendelssohns im Conservatoire sehr frostigaufgenommen wurde, verdient sie dennoch die Anerkennung allerwahrhaft Kunstverständigen, Sie ist von echter Schönheit und gehörtzn Mendelssohns besten Arbeiten,*) Wie aber kommt es, daß demso verdienten und hochbegabten Künstler seit der Aufführung des„Paulus", den man dem hiesigen Publikum auferlegte, dennoch keinLorbeerkranz auf französischem Boden hcrvorblühen will? Wie kommtes, daß hier alle Bemühungen scheitern, und daß das letzte Ver-zwciflnngsmittcl des Odeontheatcrs, die Aufführung der Chöre zurAntigvne, ebenfalls nur ein klägliches Resultat hervorbrachte? Men-delssohn bietet uns immer Gelegenheit, über die höchsten Probleme

*) Dieser Sah heißt in der Augsburger Allgemeinen Zeitung ausführlicher:..Namentlich ist der zweite Sah (Scherzo in ? dur) und das dritte Adagio indur charaktervoll, und mitunter von echter Schönheit. Die Instrumentationist vortrefflich, und die ganze Symphonie gehört zn Mendelssohns besten, Arbeiten."

Der Herausgeber.