276 Französische Zustände. II.
Pfiffigkeit, um nicht an Droits ä's.utour zn erinnern. Hier inFrankreich gestatten diese dem Dichter eines komponierten Liedes immerdie Hälfte des Honorars. Wäre diese Mode in Deutschland ein-geführt, so würde ein Dichter, dessen „Buch der Lieder" seit zwanzigJahren von allen deutschen Musikhändlern ausgebeutet wird, wenigstensvon diesen Leuten einmal ein Wort des Dankes erhalten haben. —Es ist ihm aber von den vielen hundert Kompositionen seiner Lieder,die in Deutschland erschienen, nicht ein einziges Freiexemplar zugeschickt worden! Möge auch einmal für Deutschland die Stundeschlagen, wo das geistige Eigentum des Schriftstellers ebenso ernsthaftanerkannt werde, wie das baumwollene Eigentum des Nachtmützen-fabrikanten. Dichter werden aber bei unS als Nachtigallen betrachtet,denen nur die Lust angehöre; sie sind rechtlos, wahrhast vogelfrei!
Ich will diesen Artikel mit einer guten Handlung beschließen.Wie ich höre, soll sich Herr Schindler in Köln, wo er Musikdirektorist, sehr darüber gramen, daß ich in einem meiner Saisonberichte sehrwegwerfend von seiner weißen Krawatte gesprochen und von ihm selbstbehauptet habe, ans seiner Visitenkarte sei unter seinem Namen derZusatz äs Dsstbovsu" zn lesen gewesen. Letzteres stellt er
in Abrede; Ions die Krawatte betrifft, so hat es damit ganz seineRichtigkeit, und ich habe nie ein fürchterlich weißeres und steiferesUngeheuer gesehen; doch in betreff der Karte muß ich ans Menschenliebe gestehen, daß ich selber daran zweifle, ob jene Worte wirklichdarauf gestanden. Ich habe die Geschichte nicht erfunden, aber vielleicht mit zu großer Zuvorkommenheit geglaubt, wie es denn bei allemin der Welt mehr ans die Wahrscheinlichkeit als auf die Wahrheitselbst ankommt. Erstcre beweist, daß man den Mann einer solchenNarrheit fähig hielt, und bietet uns das Maß seines wirklichenWesens, während ein wahres Faktum an und für sich nur eine Zu-fälligkeit ohne charakteristische Bedeutung sein kann. Ich habe dieerwähnte Karte nicht gesehen; dagegen sah ich dieser Tage mit leib-lich eigenen Augen die Visitenkarte eines schlechten italienischen Sängers,der unter seinem Namen die Worte: „Isisvsu äs Nr. kulüni" hattedrucken lassen.
Musiknlischr Saison von 1844.
Erster Bericht.
Parts, den S5. Zlpril iStt.^ b oub ssi^nsur baut Ironnsnr. Wir beginnen heute mitBerlioz, dessen erstes Konzert die musikalische Saison eröffnete undgleichsam als Ouvertüre derselben zu betrachten war. Die mehr oderminder neuen Stücke, die hier dem Publikum vorgetragen wurde»,