Musikalische Berichte aus Paris. 27k
Herr Herz gehört, wie Kalkbrcnncr tind Pixis, zu den Mumien:er glänzt nur nach durch seinen schönen Konzertsaal, er ist längsttot und hat kürzlich auch geheiratet. Zu den hier ansässigen Klavier-spielern, die seht am meisten Glück machen, gehören Halle und EduardWolf: doch nur von letzterem wollen wir besonders Notiz nehmen,da er sich zugleich als Komponist auszeichnet. Eduard Wolf istfruchtbar und voller Verve und Originalität. Seine Studien fürdaS Pianoforte werden am meisten gerühmt, und er befindet sich jetztso recht in der Voguc. Stephan Heller ist mehr Komponist alsVirtuose, obgleich er auch wegen seines Klavicrspiels sehr geehrt wird.Seine musikalischen Erzeugnisse tragen alle den Stempel eines aus-gezeichneten Talentes, und er gehört schon jetzt zu den großen Meistern.Er ist ein wahrer Künstler, ohne Affektation, ohne Übertreibung:romantischer Sinn in klassischer Form. Thalberg ist schon seitzwei Monaten in Paris, will aber selbst kein Konzert geben; nurim Konzerte eines seiner Frcnndc wird er diese Woche öffentlichspielen. Dieser Künstler unterscheidet sich vorteilhaft von seinen.Klavierkollegen, ich möchte fast sagen: durch sein musikalisches Be-tragen.*) Wie im Leben, so auch in seiner Kunst bekundet Thalbergden angeborenen Takt, sein Vortrag ist so gentlcmanlike, so wohlhabend, so anständig, so ganz ohne Grimasse, so ganz ohne forciertesGenialthnn, so ganz ohne jene renommierende Bengelei, welche dieinnere Berzagnis schlecht verhehlt, wie wir dergleichen bei unserenmusikalischen Glückspilzen so oft bemerkten. Die gesunden Weiberlieben ihn. Die kränklichen Frauen sind ihm nicht minder hold,obgleich er nicht durch epileptische Anfälle aus dem Klavier ihr Mit-leid in Anspruch nimmt, obgleich er nicht auf ihre überreizt zartenNerven spekuliert, obgleich er sie weder elektrisiert noch galvanisiert:negative, aber schone Eigenschaften. Es gicbt nur einen, den ichihm vorzöge, das ist Chopin, der aber viel mehr Komponist, alsVirtuose ist. Bei Chopin vergesse ich ganz die Meisterschaft de?.Klavierspiels, und versinke in die süßen Abgründe seiner Musik, indie schmerzliche Lieblichkeit seiner ebenso tiefen wie zarten Schöpfungen.Chopin ist der große geniale Tondichter, den man eigentlich nur inGesellschaft von Mozart oder Beethoven oder Rossini nennen sollte.
In den sogenannten lyrischen Theatern hat es diesen Winternicht an Novitäten gefehlt. Die Bonffes gaben uns „Don Pasquale",ein neneS Opus von Signor Donizetti, dem musikalischen Raupach.Auch diesem Italiener fehlt es nicht an Erfolg, sein Talent ist groß,
*) In der Angsburger Allgemeinen Zeitung heißt es, statt des obigen Satzes:„Trotz meiner Abneigung gegen das Klavier werde ich ihn dennoch zu hören suchen.Es hat aber seine eigene Bewandtnis mit der Toleranz, die ich dem Thalbergangcdcihen lasse. Dieser bezaubert mich, ich möchte fast sagen : durch sciu musikalischesBetragen — sein Spiel ist ganz getaucht iu Harmonie." Der Herausgeber.