268 Französische Zustande. II.
die zügellvs trotzigsten Freihcitsttnger, beim Licht betrachtet, meist nurbornierte Naturen sind, Philister, deren Zops unter der roten Mützehervorlanscht, Eintagsfliegen, von denen Goethe sagen würde:
Matte Fliegen! Wie sie rasen!
Wie sie, snmsend überkcck,
Ihren kleinen FliegendreckTräufeln ans Thrannennascn!
Die wahrhaft großen Dichter haben immer die großen Interessenihrer Zeit anders aufgefaßt als in gereimten Zeitungsartikeln, undsie Haben sich wenig darum bekümmert, wenn die knechtische Menge,deren Roheit sie anwidert, ihnen den Vorwurf des AristokratiSmnsmachte.
Zweiter Bericht.
Paris, den SS März 1S48.
Als die merkwürdigsten Erscheinungen der heurigen Saison habeich die Herren Sivori und Dreyschock genannt. Letzterer hat dengrößten Beifall geerntet, und ich referiere getreulich, daß ihn dieöffentliche Meinung für einen der größten Klaviervirtuoscn prokla-miert und den gefeiertsten derselben gleichgestellt hat. Er macht einenhöllischen Spektakel. Man glaubt nicht einen Pianisten Dreyschock,sondern drei Schock Pianisten zu hören. Da an dem Abend seinesKonzertes der Wind südwestlich war, so konnten Sie vielleicht inAugsburg die gewaltigen Klänge vernehmen; in solcher Entfernungist ihre Wirkung gewiß eine angenehme. Hier jedoch, im Departementde la Seine, berstet uns leicht das Trommelfell, wenn dieser Klavier-schläger loswettert. Häng dich, Franz Liszt! du bist ein gewöhnlicherWindgötze in Vergleichung mit diesem Donnergott, der wie Birken-reiser die Stürme zusammenbindet und damit das Meer stäupt.Auch ein Däne, Namens Villmers, hat sich hier diesen Winter er-folgreich hören lassen und wird gewiß mit der Zeit ebenfalls diehöchste Stufe seiner Kunst erklimpern. Die älteren Pianisten tretenimmer mehr in den Schatten, und diese armen, abgelebten Invalidendes Ruhmes müssen jetzt hart dafür leiden, daß sie in ihrer Jugendüberschätzt worden. Nur Kalkbrenncr hält sich noch ein bißchen. Erist diesen Winter wieder öffentlich aufgetreten, in dem Konzerte einerSchülerin; auf seinen Lippen glänzt noch immer jenes einbalsamierteLächeln, welches wir jüngst auch bei einem ägyptischen Pharaonenbemerkt haben, als dessen Mumie in dem hiesigen Museum abgewickeltwurde. Nach einer mehr als fünstmdzwanzigjährigen Abwesenheithat Herr Kalkbrcnner auch jüngst den Schauplatz seiner frühestenErfolge, nämlich London, wieder besucht und dort den größten Bei-fall eingeerntet. DaS Beste ist, daß er mit heilem Halse hierher