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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalisch? Berichte aus Paris. 26Z

kalte Passion, die uns in sv flammenden Redensarten aufgetischtwird, erinnert mich immer an das gebratene Eis, das die Chinesenso künstlich zu bereiten wissen, indem sie kleine Stückchen Gefrorenes,eingewickelt in einen dünnen Teig, einige Minuten übers Feuerhalten; ein antithetischer Leckerbissen, den man schnell verschluckenmust, nnd wobei man Lippe und Zunge an der heißen Rinde ver-brennt, den Magen aber erkältet.

Aber die herrschende Bourgeoisie muß ihrer Sünden wegen nichtbloß alte klassische Tragödien und Trilogien, die nicht klassisch sind,ausstehen, sondern die himmlischen Mächte haben ihr einen nochschauderhafteren Kunstgenuß beschert, nämlich jenes Pianoforte, demman jetzt nirgends mehr ausweichen kann, das man in allen Hänsernerklingen hört, in jeder Gesellschaft, Tag und Nacht. Ja, Pianoforteheißt daS Marterinstrument, wo die jetzige vornehme Gesellschaft nochganz besonders torqniert und gezüchtigt wird für alle ihre Usurpationen.Wenn nur nicht der Unschuldige mit leiden müßte! Diese ewigeKlavierspielerei ist nicht mehr zu ertragen! sAch! meine Wand-nachbarinncn, junge Töchter Albivns, spielen in diesem Augenblickein brillantes Morceau für zwei linke Hände.) Diese grellen Klimper-töne ohne natürliches Verhallen, diese herzlosen Schwirrklnngc, dieseserzprvsaische Schollern und Pickern, dieses Fortepiano tötet all unserDenken und Fühlen, und wir werden dumm, abgestumpft, blöd-sinnig. Dieses Überhandnehmen des KlavicrspiclcnS und gar dieTrinmphzüge der Klaviervirtnoscn sind charakteristisch für unsere Zeitnnd zeugen ganz eigentlich von dem Sieg des Maschinenwesens überden Geist. Die technische Fertigkeit, die Präcision eineS Automaten,das Identifizieren mit dem besaiteten Holze, die tönende Jnstrnment-werdnng des Menschen, wird jetzt als das Höchste gepriesen und. ge-feiert. Wie Hcnschreckenscharcn kommen die Klaviervirtnoscn jedenWinter nach Paris, weniger um Geld zu erwerben, als vielmehr umsich hier einen Namen zu machen, der ihnen in andern Ländern destoreichlicher eine pekuniäre Ernte verschafft. Paris dient ihnen alseine Art Annoncenpfahl, Ivo ihr Ruhm in kolossalen Lettern zulesen. Ich sage, ihr Ruhm ist hier zu lesen, denn es ist die PariserPresse, welche ihn der gläubigen Welt verkündet, und jene Virtuosenverstehen sich mit der größten Virtuosität auf die Ausbeutung derJournale nnd Journalisten. Sic wissen auch dem Harthörigstenschon beiznkommcn, denn Mensche» sind immer Menschen, sindempfänglich für Schmeichelei, spielen auch gern eine Protektvrrolle,und eine Hand wäscht die andere; die unreinere ist aber selten diedes Journalisten, und selbst der seile Lobhudler ist zugleich ein be-trogener Tropf, den man zur Hälfte mit Liebkosungen bezahlt. Manspricht von der Käuflichkeit der Presse; man irrt sich sehr. ImGegenteil, die Presse ist gewöhnlich düpiert, nnd dies gilt ganz be-