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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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264 Französische Zustände, >6

Herrn Felix Mendelssohn nnd der Madcmviselle Rachel Felix, dertragischen Künstlerin, Eigentümlich ist beiden ein großer, strenger,sehr ernsthafter Ernst, ein entschiedenes, beinahe zudringliches An-lehnen an klassische Muster, die feinste, geistreichste Berechnung, Ver-standesschärfe, und endlich der gänzliche Mangel an Naivität, Giebtes aber in der Kunst eine geniale Ursprünglichkcit ohne Naivität?Bis jetzt ist dieser Fall noch nicht vorgekommen.

Musikalische Saison von 484Z.

Erster Bericht,

Paris, den so, Miirz lStZ,Die Langeweile, welche die klassische Tragödie der Franzosenausdünstet, hat niemand besser begriffen, als jene gute Bürgersfrauunter Ludwig XV,, die zu ihren Kindern sagte: „Beneidet nicht denAdel und verzeiht ihm seineu Hochmut, er muß ja doch als Strafedes Himmels jeden Abend im TlMtre Franpais sich zu Tode lang-weilen," Das alte Regime hat aufgehört, und das Zepter ist indie Hände der Bourgeoisie geraten; aber diese neuen Herrscher müssenebenfalls sehr viele Sünden abzubüßen haben, und der Unmut derGötter trifft sie noch unleidlicher als ihre Vorgänger im Reiche;denn nicht bloß, daß ihnen Mademoiselle Rachel die moderige Hefedes antiken Schlaftrunks jeden Abend kredenzt, müssen sie jetzt sogarden Abhub ihrer romantischen Küche, versifiziertes Sauerkraut, die„Burggrafen" von Victor Hugo, verschlucken! Ich will kein Wortverlieren über den Wert dieses unverdaulichen Machwerks, das mitallen möglichen Prätcusioncn auftritt, namentlich mit historischen,obgleich alles Wissen Victor Hugos über Zeit und Ort, wo seinStück spielt, lediglich aus der französischen Übersetzung von Schreibers„Handbuch für Rheinrciscnde" geschöpft ist. Hat der Mann, der voreinem Jahre in öffentlicher Akademie zu sagen wagte, daß es mitdem deutschen Genius ein Ende habe flu psnsss uUsirmncks sstrsntrss cluns 1'omdrs), hat dieser größte Adler der Dichtkunst dies-mal wirklich die Zeitgenossenschaft so allmächtig überflügelt? Wahr-lich keineswegs. Sein Werk zeugt weder von poetischer Fülle nochHarmonie, weder von Begeisterung noch Gcistessreiheit, es enthältkeinen Funken Genialität, sondern nichts als gespreizte Unnatur undbunte Deklamation, Eckige Holzfiguren, überladen mit geschmacklosemFlitterstaat, bewegt durch sichtbare Drähte, ein unheimliches Puppen-spiel, eine krasse, krampfhafte Nachäffung des Lebens; durch unddurch erlogene Leidenschaft, Nichts ist mir fataler als diese HngoscheLeidenschaft, die sich so glühend gebärdet, äußerlich so prächtig anslodert, und doch inwendig so armselig nüchtern und frostig ist. Diese