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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalische Berichte aus Paris. 263

kehle, neben den Floren der schwärzesten Trauer rauschten die Flügelaller Amoretten der Anmut, die Schrecknisse des Kreuztodes warengemildert wie von tändelndem Schäferspiel, und das Gefühl der Un-endlichkeit umwogte und umschloß das Ganze wie der blaue Himmel,der auf die Prozession von Cettc hcrablenchtete, wie das blaue Meer,an dessen Ufern sie singend und klingend dahinzog! Das ist dieewige Holdseligkeit des Rossini, seine unverwüstliche Milde, die keinJnchresario und kein Marchand de Musigue zu Grunde ärgern konnteoder auch nur zu trüben vermochte! Wie schnöde, wie abgefeimttückisch ihm auch oftmals mitgespielt wurde im Leben, so finden wirdoch in seinen musikalischen Produkten nicht eine Spur von Galle.Gleich jener Quelle Arethusa, die ihre ursprüngliche Süßigkeit be-wahrte, obgleich sie die bitteren Gewässer des Meeres durchzogen, sobehielt auch das Herz Rossinis seine melodische Lieblichkeit und Süße,obgleich es aus allen Wermutskelcheu dieser Welt hinlänglich gekostet.

Wie gesagt, das Ltabat des großen Maestro war dieses Jahrdie vorherrschende musikalische Begebenheit. Uber die erste ton-angebende Exekution brauche ich nichts zu melden; genug, die Ita-liener sangen. Der Saal der italienischen Oper schien der Vorhofdes Himmels; dort schluchzten heilige Nachtigallen und flössen diefashionabelsten Thränen. Auch die „Franee musicale" gab in ihrenKonzerten den größten Teil des 8tadat, und, wie sich von selbst ver-steht, mit ungeheurem Beifall. In diesen Konzerten hörten wir auchden Paulus des Herrn Felix Mendelssohn Barthvldy, der durch dieseNachbarschaft eben unsere Ausmcrksamkcit in Anspruch nahm unddie Vergleichuug mit Rossini von selber hervorrief. Bei dem großenPublikum gereichte diese Vergleichuug keineswegs zum Vorteil unseresjungen Landsmannes; es ist auch, als vergliche man die ApcnniucnItaliens mit dem Templower Berg in Berlin. Aber der TemplowerBerg hat darum nicht weniger Verdienste, und den Respekt dergroßen Menge erwirbt er sich schon dadurch, daß er ein Kreuz aufseinem Gipfel trägt. „Unter diesem Zeichen wirst du siegen." Freilichnicht in Frankreich, dem Lande der Ungläubigkcit, wo Herr Mendels-sohn immer Fiasko gemacht hat. Er mar das geopferte Lamm derSaison, während Rossini der musikalische Löwe war, dessen süßesGebrüll noch immer forttönt. Es heißt hier, Herr Felix Mendels-sohn werde dieser Tage persönlich nach Paris kommen. So viel istgewiß, durch hohe Verwendung und diplomatische Bemühungen istHerr Leon Pillet dahin gebracht worden, ein Libretto von HerrnScribe anfertigen zu lassen, das Herr Mendelssohn für die großeOper komponieren soll. Wird unser junger Landsmann sich diesemGeschäft mit Glück unterziehen? Ich weiß nicht. Seine künstlerischeBcgabnis ist groß; doch hat sie sehr bedenkliche Grenzen und Lücken.Ich finde in talentlicher Beziehung eine große Ähnlichkeit zwischen