2l>2 Französische Zustände. II.
tilen mageren Konturen und so abgehärmt und farblos als möglichdargestellt werden; die Zeichnungen von Overbeck sind in dieser Beziehung ihr Ideal. Um dieser Verblendung durch eine Thatsache zuwidersprechen, mache ich nur ans die Heiligenbilder der spanischenSchule aufmerksam; hier ist das Volle der Konturen und der Farbevorherrschend, und es wird doch niemand leugnen? daß diese spanischenGemälde das ungeschwächteste Christentum atmen und ihre Schöpfergewiß nicht minder glanbenstrnnkcn waren, als die berühmten Meister,die in Rom zum Katholizismus übergegangen sind, um mit unmittel-barer Inbrunst malen zu können. Nicht die äußere Dürre undBlässe ist ein Kennzeichen des wahrhaft Christlichen in der Kunst,sondern eine gewisse innere ltberschwenglichkcit, die weder angetanstnoch einstudiert werden kann in der Musik wie in der Malerei, undso finde ich auch das Ltnbat von Rossini wahrhaft christlicher alsden Paulus, das Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy, dasvon den Gegnern Rossinis als ein Muster der Christentümlichkeitgerühmt wird.
Der Himmel bewahre mich, gegen cincü so verdienstvollen Meister,wie der Verfasser des Paulus, hierdurch einen Tadel aussprechen zuwollen, und am allerwenigsten wird es dem Schreiber dieser Blätterin den Sinn kommen, an der Christlichkeit des erwähnten Oratoriumszu mäkeln, weil Felix Mendelssohn Bartholdy von Geburt ein Judeist. Aber ich kann doch nicht unterlassen, darauf hinzudeuten, daßin dem Alter, wo Herr Mendelssohn in Berlin das Christentum an-fing ser wurde nämlich erst in seinem dreizehnten Jahr getauft),Rossini es bereits verlassen und sich ganz in die Wcltlichkeit derOpernmusik gestürzt hatte. Jetzt, wo er diese wieder verließ und sichznrückträumte in seine katholischen Jugenderinnernngen, in dicnZeitcn,wo er im Dom zu Pesaro als Chorschüler mitsang, oder als Akvluthbei der Messe fungierte — jetzt, wo die alten Orgcltöne wieder inseinem Gedächtnis aufrauschten, und er die Feder ergriff, »m einFtab-rt zu schreiben, da brauchte er wahrlich den Geist des Christen-tums nicht erst wissenschaftlich zu konstruieren, noch viel wenigerHändel oder Sebastian Bach sklavisch zu kopieren; er brauchte nurdie frühesten KindheitSklänge wieder aus seinem Gemüt hervorzurufen,und, wunderbar! so ernsthaft, so schmcrzentics auch diese Klänge er-tönen, so gewaltig sie auch das Gewaltigste ansscufzcn und aus-bluten, so behielten sie doch etwas Kindheitlichcs und ermahnten michan die Darstellung der Passion durch Kinder, die ich in Cette gesehen.Ja, an diese kleine fromme Mummerei mußte ich unwillkürlich denken,als ich der Aufführung des Ltadut von Rossini zum erstenmal bei-wohnte: das ungeheure erhabene Martyrium ward hier dargestellt,aber in den naivste» Jngendlautcn, die furchtbaren Klagen derNntsr ckvlorosn ertönten, aber ivie ans unschuldig kleiner Mädchen-