2kl) Französische Zustände, H,
tagen, wo der tolle Mummenschanz die dämonische Lust bis zumUngeheuerlichen steigert. Fast ein Grauen wandelte mich an, als icheinem jener bunten Nachtfeste beiwohnte, die jetzt in der Operacomiqnc gegeben werden, und wo, nebenbei gesagt, weit prächtiger,als aus den Bällen der großen Oper, der taumelnde Spuk sich ge-bärdet, Hier musiziert Beelzebub mit vollem Orchester, und dasfreche Hbllcnfeuer der Gasbeleuchtung zerreißt einem die Augen,Hier ist das verlorene Thal, wovon die Amme erzählt; hier tanzendie Unholden wie bei uns in der Walpurgisnacht, und manche istdarunter, die sehr hübsch, und bei aller Verworfenheit jene Grazie,die den verteufelten Französinnen angeboren ist, nicht ganz verleugnenkann. Wenn aber gar die Galopp-Rondc erschmcttcrt, dann erreichtder satanische Spektakel seine unsinnigste Höhe, und es ist dann, alsmüsse die Snaldcckc Platzen, und die ganze Sippschaft sich plötzlichemporschwingen auf Besenstielen, Ofcngabeln, Kochlöffeln — „obenhinaus, nirgends an!" — ein gefährlicher Moment für viele unsererLandsleute, die leider keine Hexenmeister sind und nicht das Spruchlein kennen, das mau herbeteu muß, um nicht von dem wütendenHeer fortgerissen zu werden.
Rossini und Mt'iidplssohn.
Paris, Mitte April 1S4S,NlS ich vorigen Sommer an einem schönen Nachmittag in Cettcanlangte, sah ich, wie eben längs dem Kai, vor welchem sich dasmittelländische Meer ausbreitet, die Prozession vorüberzog, und ichwerde nie diesen Anblick vergessen. Voran schritten die Brüderschaftennl ihren roten, weißen oder schwarzen Gewanden, die Büßer mitübers Haupt gezogenen Kapuzen, worin zwei Löcher, woraus dieAugen gespenstisch hervorlugtcn; in den Händen brennende Wachs-kerzen oder Kreuzfahncn, Dann kamen die verschiedenen Mönchsorden. Auch eine Menge Laien, Frauen und Männer, blasse gebrochene Gestalten, die gläubig cinhcrschwauktcn, mit rührend kummer-vollem Singsang, Ich war dergleichen oft in meiner Kindheit amRhein begegnet, und ich kann nicht leugnen, daß jene Töne eine gewisse Wehmut, eine Art Heimweh in mir weckten. Was ich aberfrüher noch nie gesehen und was nachbarlich spanische Sitic zu seinschien, war die Truppe von Kindern, welche die Passion darstellten.Ein kleines Bübchen, kostümiert wie man den Heiland abzubildenpflegt, die Dornenkrone auf dem Haupt, dessen schönes Goldhaartraurig lang herabwallte, keuchte gebückt einher unter der Last einesungeheuer großen Holzkreuzes; auf der Stirn grell gemalte Bluts-tropfen, und Wundenmale au den Händen und nackten Füßen, ZurSeite ging ihm ein ganz schwarz gekleidetes kleines Mädchen, welches,