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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalische Benchte aus Paris. 259

daß da? französische Volk sogar beim Tanzen von der Polizei in-kommvdiert wird. Ja. dieses letztere ist ein sehr sonderbarer ltbel-stand. nnd jeder denkende Fremde innsz sich darüber wnndern. daßin den öffentlichen Tanzsälen bei jeder Quadrille mehrere Pvlizci-agentcn oder Kommunalgardisten stehen, die mit finster katonischerMiene die tanzende Moralitär bewachen. Es ist kaum begreiflich,wie das Volk unter solcher schmählichen Kontrolle seine lachendeHeiterkeit und Tanzlnst behält. Dieser gallische Leichtsinn aber machteben seine vergnügtesten Sprünge, wenn er in der Zwangsjacke steckt,und obgleich das strenge Pvlizeiauge es verhütet, daß der Cancanin seiner chnischen Bestimmtheit getanzt wird, so wissen doch dieTänzer durch allerlei ironische Entrechats nnd übertreibende Anstands-gesten ihre verpönten Gedanken zu offenbaren, nnd die Verschleierungerscheint alsdann noch unzüchtiger, als die Nacktheit selbst. MeinerAnsicht nach ist es für die Sittlichkeit von keinem großen Nutzen,daß die Regierung mit so vielem Waffcngepränge bei dem Tanzedes Volkes interveniert; da? Verbotene reizt eben am süßesten, unddie raffinierte, nicht selten geistreiche Umgehung der Censnr wirkthier noch verderblicher, als erlaubte Brutalität. Diese Bewachungder Volkslust charakterisiert übrigens den hiesigen Zustand der Dingennd zeigt, wie weit es die Franzosen in der Freiheit gebracht haben.

Es sind aber nicht bloß die geschlechtlichen Beziehungen, die aufden Pariser Bastringnen der Gegenstand ruchloser Tänze sind. Eswill mich manchmal bedünkcn, als tanze man dort eine Verhöhnungalles dessen, was als das Edelste und Heiligste im Leben gilt, aberdurch Schlauköpfe so oft ausgebeutet und durch Einfaltspinsel so oftlächerlich gemacht worden, daß das Volk nicht mehr, wie sonst, daranglauben kann. Ja, es verlor den Glauben an jenen Hochgedanken,wovon unsere Politischen nnd litterarischen Tartüffs so viel singennnd sagen; und gar die Großsprechereien der Ohnmacht verleidetenihm so sehr alle idealen Dinge, daß es nichts andere? mehr darinsieht, als die hohle Phrase, als die sogenannte Blaguc, nnd wie diesetrostlose Anschauungsweise durch Robert Macairc repräsentiert wird,so giebt sie sich doch auch kund in dem Tanz des Volkes, der alseine eigentliche Pantomime des Robert-Macairetums zu betrachtenist. Wer von letzterem einen ungefähren Begriff hat, begreift jetztjene nnnnssprechlichen Tänze, welche, eine gctanztc Persiflage, nichtbloß die geschlechtlichen Beziehungen verspotten, sondern auch diebürgerlichen, sondern auch alles, was gut nnd schön ist, sondern auchjede Art von Begeisterung, die Vaterlandsliebe, die Treue, denGlauben, die Familiengefühle, den Heroismus, die Gottheit. Ichwiederhole es, mit einer unsäglichen Trauer erfüllt mich immer derAnblick des tanzenden Volkes an den öffentlichen VergnügungSortenvon Paris; und gar besonders ist dies der Fall in den Karnevals-

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