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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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258 Französische Auslände, II.

Bon den diesjährigen Gesellschaftsbällcn kann ich wenig berichten,da ich bis seht nnr wenige Soireen mit meiner Gegenwart beehrthabe. Dieses ewige Einerlei fängt nachgerade an mich zu cnnm>ieren,nnd ich begreife nicht, wie ein Mann es auf die Länge aushalten kann.Von Frauen begreife ich es sehr gut. Für diese ist der Putz, densie auskramen können, das wesentlichste. Die Vorbereitungen zumVail, die Wahl der Robe, das Ankleiden, daS Frisicrtwcrdcn, dasProbelächeln vor dem Spiegel, kurz Flitterstaat und Gefallsucht sindihnen die Hauptsache und gewähren ihnen die genußreichste UnterHaltung, Aber für uns Männer, die wir nur demokratisch schwarzeFräcke und Schuhe anziehen sdie entsetzlichen Schuhe!> — für unsist eine Soiree nnr eine unerschöpfliche Quelle der Langeweile, vormischt mit einigen Gläsern Mandelmilch und Himbeersaft, Von derholden Musik will ich gar nicht reden,*) Was die Bälle der vor-nehmen Welt noch langweiliger macht, als sie von Gott nnd Rechtswegen sein dürften, ist die dort herrschende Mode, daß man nurzum Schein tanzt, daß man die vorgeschriebenen Figuren nur gehendexekutiert, daß man ganz gleichgültig, fast verdrießlich die Füße bewegt. Keiner will mehr den andern amüsieren, nnd dieser Egoismusbeurkundet sich auch im Tanze der heutigen Gesellschaft,

Die unteren Klassen, wie gerne sie auch die vornehme Welt nach-äffen, haben sich dennoch nicht zu solchem selbstsüchtigen Scheintanzverstehen können; ihr Tanzen hat noch Realität, aber leider einesehr bedauernswürdige. Ich weiß kaum, wie ich die eigentümlicheBetrübnis ausdrücken soll, die mich jedesmal ergreift, wenn ich anöffentlichen Belustignngsvrten, namentlich zur Karnevalszeit, dastanzende Volk betrachte. Eine kreischende, schrillende, übertriebeneMusik begleitet hier einen Tanz, der mehr oder weniger an denCancan streift. Hier höre ich die Frage: Was ist der Cancan?Heiliger Himmel, ich soll für die „Allgemeine Zeitung" eine Definitiondes Cancan geben! Wohlan, der Cancan ist ein Tanz, der nie inordentlicher Gesellschaft getanzt wird, sondern nnr auf gemeinenTanzböden, wo derjenige, der ihn tanzt, oder diejenige, die ihn tanzt,unverzüglich von einem Polizeiagenten ergriffen nnd zur Thürehinausgeschleppt wird. Ich weiß nicht, ob diese Definition hinlänglichbclehrsam, aber es ist auch gar nicht nötig, daß man in Deutschlandganz genau erfahre, was der französische Cancan ist. So viel wirdschon aus jener Definition zu merken sein, daß die vom seligenVestris angepriesene Tugend hier kein notwendiges Requisit ist, und

»> Statt dieses Satzes, heitzt es in derAugSbnrger Allgcm, Zeitung: „Die Musikbesteht hier aus altabgclcicrten Motiven Von Rossini nnd Mcncrbccr, den beidenschweigenden Meistern, die I» Paris diesen Winter mehr als je besprochen wurden,nicht im Interesse der Kunst, sondern der Herren TronPcnaS nnd Schlesinger,"

Der Herausgeber.