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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Musikalische Berichte aus Pari?. 257

die alle Künste in ihre» Schvß aufgenommen und benutzt hat, dennochmit der Tanzkunst nichts anzufangen wußte und sie verwarf undverdammte. Die Tanzkunst erinnerte vielleicht allzusehr an den altenTempeldienst der Heiden, svwvhl der römischen Heiden als der ger-manischen und keltischen, deren Götter eben in jene elfenhaften Wesenübergingen, denen der Volksglaube, wie ich oben andeutete, einewundersame Tanzsucht zuschrieb. Überhaupt ward der böse Feindam Ende als der eigentliche Schutzpatron des Tanzes betrachtet, undin seiner frevelhaften Gemeinschaft tanzten die Hexen und Hexen-meister ihre nächtlichen Reigen, Der Tanz ist verflucht, sagt einfromm bretonisches Volkslied, seit die Tochter der Hervdias vor demargen König tanzte, der ihr zu Gefallen Jvhanncm toten ließ. „Wenndu tanzen siehst," fügt der Sänger hinzu, „so denke an das blutigeHaupt des Täufers ans der Schüssel, und das höllische Gelüste wirddeiner Seele nichts anhaben können!" Wenn man über den Tanzin der Voallömis rozmlg üs inusigns etwas tiefer nachdenkt, soerscheint er als ein Versuch, diese erzheidnische Kunst gewissermaßenzu christianicsieren, und das französische Ballett riecht fast nach galli-kanischcr Kirche, wo nicht gar nach JanseniSmuS, wie alle Knnst-erscheinnngen des großen Zeitalters Ludwigs XIV, DaS französischeBallett ist in dieser Beziehung ein wahlvcrwandtes Seitcnstück zuder Racineschen Tragödie und den Gärten von Le Nötre, Es herrschtdarin derselbe gerechte Zuschnitt, dasselbe Etikettenmaß, dieselbe höfischeKühle, dasselbe gezierte Sprödcthnn, dieselbe Keuschheit, In derThat, die Form und das Wesen deS französischen Balletts ist keusch,aber die Augen der Tänzerinnen machen zu den sittsamsten Paseinen sehr lasterhaften Kommentar, und ihr liederliches Lächeln istin beständigein Widerspruch mit ihren Füßen, Wir sehen das ent-gegengesetzte bei den sogenannten Nattonaltänzen, die mir deshalbtausendmal lieber sind, als die Ballette der großen Oper, Die Nativnal-tänze sind oft allzu sinnlich, fast schlüpfrig in ihren Formen, z, B,die indischen, aber der heilige Ernst auf den Gesichtern der Tanzendenmoralisiert diesen Tanz und erhebt ihn sogar zum Kultus, Dergroße VcstriS hat einst ein Wort gesagt, worüber bereits viel gelachtworden. In seiner pathetischen Weise sagte er nämlich zu einemseiner Jünger: „Ein großer Tänzer muß tugendhaft sein," Sonder-bar! der große Vestris liegt schon seit vierzig Jahren im Grab serhat daS Unglück deS HauseS Bonrbvn, womit die Familie Vestrisimmer sehr befreundet war, nicht überleben können), und erst vorigenDezember, als ich der Eröffnungssitzung der Kammern beiwohnteund träumerisch mich meinen Gedanken überließ, kam mir der seligeVcstriS in den Sinn, und wie durch Inspiration begriff ich plötzlichdie Bedeutung seines tiefsinnigen Wortes: „Ein großer Tänzer mußtugendhaft sein!"

Heine's Werke. X. Vd. 17