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10 (1898) Französische Zustände : 2
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254 Französische Zustände. II.

Die zahlreichen Verehrer und Bewunderer des bewunderungs-würdigen Meisters sehen mit Betrübnis, wie der Hochgefeierte beijeder neuen Produktion seines Genins sich mit der Sicherstellungdes Erfolgs so unsäglich abmüht und an das winzigste Detail des-selben seine besten Kräfte vergeudet. Sein zarter, schwächlicher Körper-bau muß darunter leiden. Seine Nerven werden krankhaft überreizt,und bei seinem chronischen Untcrleibsleidcn wird er oft von derherrschenden Cholcrine heimgesucht. Der Geisteshvnig, der aus seinenmusikalischen Meisterwerken träufelt und uns erquickt, kostet demMeister selbst die furchtbarsten Leibesschmerzen. Als ich das legteMal die Ehre hatte, ihn zu sehen, erschrak ich über sein miserablesAussehen. Bei seinem Anblick dachte ich an den Diarrhoen-lstottder tatarischen Volkssage, worin schauderhaft drollig erzählt wird,wie dieser bauchgrimmige Kakadämon auf dem Jahrmarkte von Kasaneinmal zu seinem eigenen Gebrauche sechstausend Töpfe kaufte, sodassder Töpfer dadurch ein reicher Mann wurde. Möge der Himmciunserem hochverehrten Meister eine bessere Gesundheit schenken, undmöge er selber nie vergessen, daß sein Lebensfaden sehr schlapp unddie Schere der Parze desto schärfer ist. Möge er nie vergessen, welchehohe Interessen sich an seine Selbsterhaltung knüpfen. Was soll auSseinem Ruhme werden, wenn er selbst, der hochgefeicrte Meister, wasder Himmel noch lange verhüte, plötzlich dem Schauplatz seinerTriumphe durch den Tod entrissen würde? Wird ihn die Familiefortsetzen, diesen Ruhm, worauf ganz Deutschland stolz ist?**) Airmateriellen Mitteln würde es der Familie gewiß nicht fehlen, wohl aberan intellektuellen Mitteln. Nur der große Giacomo selbst, der nichtbloß Generalmusikdirektor aller königlich preußischen Musilanstalteu,sondern auch der Kapellmeister des Meyerbeerschen Ruhmes ist,

so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, dnsl die deutsche Musik bei dem französischenVolk sehr tn Aufnahme, wo nicht gar zur Herrschaft kommt. ES ist dies die Sehnsucht UndincnS nach einer Seele. Wird das schöne Kind durch den Gewinstdieser Seele glücklicher sein? Darüber möchten wir nicht urteilen c wir wollten hiernur eine Thatsachc auszeichnen, die vielleicht einen Ausschluß gicbt über die außer-ordentliche Popularität des großen Meisters, der den Notiert le Diable und dieHugenotten geschaffen und dessen drittefOPer, der „Prophet", mit einer fieberhaftenUngeduld, mit einem Herzklopfen erwartet wird, wovon man keinen Begriff hat.Man lächle nicht, wenn ich behaupte, auch in der Musik — nicht bloß in derLitteratur — liege etwas, was die Nationen vermittelt. Durch ihre llniversalspracheist die Musik mehr als jede andere Kunst geeignet, sich ein Weltpnbliknm zu bilden.

„Jüngst sagte mir ein Franzose, durch die Meyerbeerschen Opern sei er in diePoesie eingeweiht worden, jene hätten ihm die Pforten der Goethcschcn Dichtungerschlossen.' ES liegt ein tiefer Sinn in diesem Ausspruch, und er bringt michans den Gedanken, daß der deutschen Musik überhaupt hier in Frankreich dieSendung bcschicdcn sein mag, als eine präludierende Ouvertüre das Verständnisunserer deutschen Litteratur zu befördern." Der Herausgeber.

«y „worauf das ganz deutsche Volk, und Herr Moritz Schlesinger insbesondere,stolz ist?" heißt es in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber.