Musikalische Berichte aus Paris. 253
Was dieses lesiterc Mißgeschick betrifft, so möchte ich der ver-ehrten Sängerin zu ihrem Tröste versichern, daß eS eben ihre Borzügewaren, die einem französischen Succeß im Wege standen. In derStimme der Mademoiselle Löwe ist deutsche Seele, ein stilles Ding,das sich bis seht nur wenigen Franzosen offenbart hat und in Frankreich nur allmählich Eingang findet. Wäre Mademoiselle Löwe einigeDceennien später gekommen, sie hätte vielleicht größere Anerkennunggefunden. BiS seht aber ist die Masse des Volkes noch immer dieselbe.Die Franzosen haben Geist und Passion, und beides genießen sieam liebsten in einer nnrnhigen, stürmischen, gehackten, aufreizendenForm. Dergleichen vermißten sie aber ganz und gar bei der deutschenSängerin, die ihnen noch obendrein die Beethovensche „Adelaide"vorsang. Dieses ruhige AuSseufzen deS Gemütes, diese blauäugigen,schmachtenden Waldeinsamkeitstöne, diese gesungenen Lindenblütenmit obligatem Mondschein, dieses Hinsterben in überirdischer Sehnsucht,dieses erzdentschc Lied, fand kein Echo in französischer Brust, undward sogar als trqnsrhenanische Sensiblerie verspöttelt. Jedenfallswar Mademoiselle Löwe sehr schlecht beraten in der Wahl der Stücke,die sie vortrug, lind dann, sonderbar! es waltet ein unglücklicherStern über den Debüts in den Schlesingerschen Konzerten. Mancherjunge Künstler weiß ein trübes Lied davon zu singen. Am traurigstenerging es dein armen Jgnaz Mvschelcs, der vor einem Jahr ausLondon herüberkam nach Paris, um seinen Ruhm, der durch merka»tilische Ausbeutung sehr welk geworden, ein bißchen aufzufrischen. Erspielte in einem Schlesingerschen Konzerte, und fiel durch, jammervoll.
Obgleich Mademoiselle Löwe hier keinen Beifall fand, geschahdoch alles mögliche, um ihr ein Engagement für die ^.vacksinigroz-als ckv mnsigns auszuwirken. Der Name Meycrbeer wurde beidieser Gelegenheit aufdringlicher in Anschlag gebracht, als es deinverehrten Meister wohl lieb sein möchte. Ist es wahr, Ivollte Meher-becr seine neue Oper nicht zur Aufführung geben, im Fall man dieLöwe nicht engagierte? Hat Mcyerbccr wirklich die Erfüllung derWünsche des Publikums an eine so kleinliche Bedingung geknüpft?Ist er wirklich so übcrbcscheiden, daß er sich einbildet, der Erfolgseines neuen Werkes sei abhängig von der mehr oder minder ge-schmeidigen Kehle einer Primadonna?*)
In dcr Angsbnrger Allgemeinen Zeitung lautet der Schluß dieses Brieses,wie soigtl „Wohlunterrichtete Personen versichern mich, Mchcrbecr sei ganz INIschuldig all der tierzögerten Anfsiihrnng seiner neuen Oper, und die Autoritätseines Namens werde zuweilen ausgebeutet, um fremde Interessen zu fordern ier habe der Direktion dcr .äoniloinio. roznlo ilo innsigno sein vollendete- Wer!zur Bcrsngnug angeboten, ohne in betreff dcr ersten Sängerin irgend eine wähligeBcdingniS zu stellen.
„Obgleich, wie ich oben bemerkt habe, die innerlichste Tugend des deutschenGesanges, seine süße Heimtichlcil, den Franzosen noch immer verborgen bleibt,