Druckschrift 
10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

Musikalische Berichte aus Paris. 249

ist. als die Auflösung der ganzen materiellen Welt; die Mnsik ist vielleichtdas letzte Wort der Kunst, wie der Tod daS letzte Wort deS LebenS,

Ich habe diese kurze Bemerkung hier vorangestellt, um anzu-deuten, weshalb die musikalische Saison mich mehr ängstigt als erfreut.Daß man hier fast in lauter Musik ersttust, daß eS in Paris fastkein einziges HauS giebt, wohin man sich wie in eine Arche rettenkann vor dieser klingenden Siindflut, daß die edle Tonknnst unserganzes Leben überschwemmt dicö ist für mich ein bedenklichesZeichen, nnd es ergreift mich darob manchmal ein Mißmut, der biszur murrsiuuigsten Ungerechtigkeit gegen unsere großen Maestri undVirtuosen ausartet. Unter diesen Umständen darf man keinen allznheiteren Lobgesang von mir erwarten für den Mann, den hier dieschone Welt, besonders die hysterische Damenwelt, in diesem Augenblick mit einem wahnsinnigen Enthusiasmus umjubclt, und der in derThat einer der merkwürdigsten Repräsentanten der musikalischenBewegung ist. Ich spreche von Franz Liszt, dem genialen Pianisten,dessen Spiel mir manchmal vorkommt wie eine melodische Agonieder Erscheinnngswelt. Ja, der Geniale ist jetzt wieder hier nnd giebtllouzerte, die einen Zauber üben, der ans Fabelhafte grenzt. Nebenihm schwinden alle Klavierspieler nstt Ausnahme eines einzigen,des Chopin, des Raffaels des Fortepiano. In der That, mit Aus-nahme dieses einzigen sind alle andern Klavierspieler, die wir diesesJahr in unzähligen Konzerten hörten, eben nur Klavierspieler, sieglänzen durch die Fertigkeit, wvmit sie das besaitete Holz handhaben;bei Liszt hingegen denkt man nicht mehr au überwundene Schwierigkeit, das Klavier verschwindet, und eS offenbart sich die Musik. Indieser Beziehung hat Liszt, seit wir ihn zum letztenmal hörten, denwunderbarsten Fortschritt gemacht. Mit diesem Vorzug verbindet ereine Ruhe, die wir früher an ihm vermißten. Wenn er z. B. damalsauf dem Pianvfvrtc ein Gewitter spielte, sahen wir die Blitze übersein eigenes Gesicht dahinzucken, wie von Sturmwind schlottertenseine Glieder, nnd seine langen Haarzöpfe krausten gleichsam vomdargestellten Platzregen. Wenn er jetzt auch das stärkste Donner-wetter spielt, so ragt er doch selber darüber empor, wie der Reisende,der auf der Spitze einer Alpe steht, während es im Thal gewittert;die Wolken lagern tief unter ihm, die Blitze ringeln wie Schlangenzu seinen Füßen, das Haupt erhebt er lächelnd in den reinen Äther.

Trotz seiner Genialität begegnet Liszt einer Opposition hier inParis*), die meistens ans ernstlichen Musikern besteht nnd seinem

dicvicllcicht eben durch seine Genialität hervorgerufen ward. DicscEigcn-schaft ist in gewissen Annen ein ungeheures Verbrechen, das man nicht genug bestrafenkann. ,Dem Talent wird schon nachgerade vergeben, aber gegen das Genie istman unerbittlich!' so äusicrtc sich rittst der selige vord Bbron. mit welche»! linsetLisgt viele Ähnlichkeit bietet" lesen wir in der AngSb. Allg. Ztg. Der Herausgeber.