244 Französische Znslände. II.
Das Alpha und Omega aller Spoutinischcn Beklagnissc istMeyerbeer. Als mir hier in Paris der Ritter die Ehre seines Bcsuches schenkle, war er unerschöpflich an Geschichten, die geschwollenvon Gift und Galle. Er kann die Thatsache nicht ableugnen, daßder König von Preußen unseren großen Giacvmo mit Ehrenbezeigungenüberhäuft und darauf bedacht ist. denselben mit hohen Amtern undWürden zu betrauen, aber er weiß dieser königlichen Huld dieschnödesten Motive anzudichten. Am Ende glaubt er selbst seineeigenen Erfindungen, und mit einer Miene der tiefsten Überzeugungversicherte er mir: als er einst bei Seiner Majestät dem König ge-speist. habe Allerhöchstderselbc nach der Tafel mit heiterer Offenherzigkeit gestanden, daß er den Meyerbeer um jeden Preis an Berlinfesseln wolle, damit dieser Millionär sein Vermögen nicht im Aus-lande verzehre. Da die Musik, die Sucht, als Opernkomponist zuglänzen, eine bekannte Schwäche des reichen Mannes sei. suchte er,der König, diese schwache Seite zu benutzen, um den Ehrgeizigendurch Auszeichnungen zu ködern. —- „Es ist traurig," soll der Könighinzugesetzt haben, „daß ein vaterländisches Talent, das ein so großes,fast geniales Vermögen besitzt, in Italien und Paris seine gutenpreußischen harten Thalcr vergeuden mußte, um als Komponist ge-feiert zu werden — was man für Geld haben kann, ist auch beiuns in Berlin zu haben, auch in unseren Treibhäusern wachsen Lor-beerbäume für den Narren, der sie bezahlen will, auch unsere Journalisten sind geistreich und lieben ein gutes Frühstück oder gar eingutes Mittagessen, auch unsere Eckensteher und Sanre-Gurkenhändlerhaben zum Beifallklatschen ebenso derbe Hände wie die PariserClaque — ja wenn unsere Tagediebe, statt in der Tabagic, ihreAbende im Opcrnhausc zubrächten, um die Hugenotten zu applaudieren,würde auch ihre Ausbildung dadurch gewinnen — die niederen Klassenmüßten sittlich und ästhetisch gehoben werden, und die Hauptsache ist,daß Geld unter die Leute komme, zumal in der Hauptstadt." —Solcherweise, versicherte Spontini, habe sich Seine Majestät geäußert,um sich gleichsam zu entschuldigen, daß er ihn, den Verfasser derVestalin. dem Meycrbcer sakrifiziere. Als ich bemerkte, daß es imGrunde sehr löblich sei. wenn ein Fürst ein solches Opfer bringe,um den Wohlstand seiner Hauptstadt zu fördern — da fiel mirSpontini in die Rede: „O. Sic irren sich, der .König von Preuße»protegiert die schlechte Musik nicht aus staatsökvnvmischen Gründen,sondern vielmehr weil er die Tonkunst haßt und wohl weiß, daß siezu Grunde gehen muß durch Beispiel und Leitung eines Mannes,der, ohne Sinn für Wahrheit und Adel, nur der rohen Mengeschmeicheln will."
Ich konnte nicht umhin, dem hämischen Italiener offen zu gestehen,daß es nicht klug von ihm sei, dem Nebenbuhler alles Verdienst ab-