240 Französische Zustände. II.
Prosa »nd Alfred de Müsset in Versen überragen in der Thal denso gepriesenen Victor Hngo, der mit seiner grauenhaft hartnäckigen,fast blödsinnigen Beharrlichkeit den Franzosen und endlich sich selberweismachte, daß er der größte Dichter Frankreichs sei. Ist dieseswirklich seine eigene fixe Idee? Jedenfalls ist es nicht die nnserige.Sonderbar! die Eigenschaft, die ihm am meisten fehlt, ist eben die-jcnige, die bei den Franzosen so viel gilt und zu ihren schönstenEigentümlichkeiten gehört. Es ist dieses der Geschmack. Da sie denGeschmack bei allen französischen Schriftstellern antrafen, mochte dergänzliche Mangel desselben bei Victor Hngo ihnen vielleicht eben alseine Originalität erscheinen. Was wir bei ihm am unleidlichstenvermissen, ist das, ivas wir Deutsche „Natur" nennen: er ist gemacht, verlogen, und oft im selben Verse sucht die eine Hälfte dieandere zu belügen; er ist durch und durch kalt, wie nach Aussageder Hexen der Teufel ist, eiskalt sogar in seinen leidenschaftlichsten Ergriffen; seine Begeisterung ist nur eine Phantasmagorie, ein Kalkülohne Liebe, oder vielmehr, er liebt nur sich; er ist ein Egoist, unddamit ich noch Schlimmeres sage, er ist ein Hngvist. Wir sehen hiermehr Härte als Kraft, eine freche eiserne Stirn, und bei allem Reichtum der Phantasie und des Witzes dennoch die llnbeholsenheit einesParvenüs oder eines Wilden, der sich durch Überladung und un-passende Anwendung von Gold und Edelsteinen lächerlich macht —kurz, barocke Barbarei, gellende Dissonanz und die schauderhaftesteDifformität! Es sagte jemand von dem Genius des Victor Hngo:(Z'ssb nn lrssn Possn. Das Wort ist tiefsinniger, als diejenigenahnen, welche HugoS Vortrefflichkeit rühmen.
Ich will hier nicht bloß darauf hindeuten, daß in seinen Romanenund Dramen die Hanpthelden mit einem Höcker belastet sind, sonderndaß er selbst im Geiste höckericht ist. Nach unserer modernen Ibentitätslehre ist es ein Naturgesetz, daß der inneren, der geistigen Sig-natur eines Menschen auch seine äußere, die körperliche Signaturentspricht — Diese Idee trug ich noch im Kopfe, als ich nach Frank-reich kam, und ich gestand einst meinem Buchhändler Eugene Rcnducl,welcher auch der Verleger HugoS war, daß ich nach der Vorstellung,die ich mir von letzterem gemacht halte, nicht wenig verwundert ge-wesen sei, in Herrn Hugo einen Mann zu finden, der nicht miteinein Höcker behaftet sei. „Ja, man kann ihm seine Difformität
de Musset dort der größte ?oöt>e Nach ihnen kommt Böranger. Beider
Nebenbuhler, Victor Hugo, der dritte große Lyriker der Franzosen, steht weithinter jenen beiden ersten, deren Verse sich so schön durch Wahrheit, Harmonieund Grazie auszeichnen. In welchem bedauerlich hohen Grade Victor.Hugo dieseEigenschaften entbehrt, ist allgemein bekannt. ES fehlt ihm der Geschmack, der beiden Franzosen so allgemein ist, daß ihnen sein Mangel vielleicht als Originalitäterscheint; es fehlt ihm das, was wir Deutsche ,Natur' nennen ?e."
Der Herausgeber.