Druckschrift 
10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
239
Einzelbild herunterladen
 

lkder die französische Blihne. 239

würdigen, oft sonderbaren Lächeln Hort sie zu, wenn andere reden,und die fremden Gedanken, die sie in sich aufgenommen und ver-arbeitet hat, gehen aus dem Alambik ihres Geistes weit kostbarerhervor. Sie ist eine sehr feine Horcherin. Sie Hort auch gerne aufden Rat ihrer Freunde. Bei ihrer unkanvnischcn Geistesrichtnng hatsie, wie begreiflich, keinen Beichtvater, doch da die Weiber, selbst dieemancipationssiichtigsten, immer eines männlichen Lenkers, einermännlichen Autorität bedürfen, so hat George Sand gleichsam einenlillerarischcn Orrsotour äs oonsersiros, den philosophischen KapuzinerPierre Lcroux. Dieser wirkt leider sehr verderblich aus ihr Talent,denn er verleitet sie, sich in unklare Faseleien und halbausgebrüteteIdeen einzulassen, statt sich der heiteren Lust farbenreicher und be-stimmter Gestaltungen hinzugeben, die Kunst der Kunst wegen übend.Mit weit weltlicheren Funktionen hatte George Sand unseren viel-geliebten Frederic Chopin betraut. Dieser große Musiker und Pianistwar während langer Zeit ihre Cavaliere scrvcnte; vor seinem Todeentließ sie ihn; sein Amt war freilich in der letzten Zeit eineSinekure geworden.

Ich weiß nicht, wie mein Freund Heinrich Laube einst in derAllgemeinen Zeitung" mir eine Äußerung in den Mund legenkonnte, die dahin lautete, als sei der damalige Liebhaber von GeorgeSand der geniale Franz Liszt gewesen. Laubes Irrtum entstandgewiß durch Jdeen-Association, indem er die Namen zweier gleich-berühmten Pianisten verwechselte. Ich benutze diese Gelegenheit, demguten oder vielmehr dem ästhetischen Leumund der Dame einen wirk-lichen Dienst zu erweisen, indem ich meinen deutschen Landsleutenzu Wien und Prag die Versicherung erteile, daß es eine der misera-belsten Verleumdungen ist, wenn dort einer der miserabelsten Lieder-komPositcurS vom mundfaulsten Dialekte, ein namenloses, kriechendesInsekt, sich rühmt, mit George Sand in intimem Umgange gestandenzu haben. Die Weiber haben allerlei Idiosynkrasien, und es giebtderen sogar, welche Spinnen verspeisen: aber ich bin noch keiner Fraubegegnet, welche Wanzen verschluckt hätte. Nein, an dieser prahlerischenWanze hat Lelia nie Geschmack gefunden, und sie tolerierte dieselbenur manchmal in ihrer Nähe, weil sie gar zu zudringlich war.

Lange Zeit, wie ich oben bemerkt, war Alfred "de Müsset derHerzensfreund von George Sand. Sonderbarer Zufall, daß einstder größte Dichter in Prosa, den die Franzosen besitzen, und dergrößte ihrer jetzt lebenden Dichter in Versen (jedenfalls der größte»ach Bsranger) lange Zeit, in leidenschaftlicher Liebe für einanderentbrannt, ein lorbecrgekröntes Paar bildeten.^) George Sand in

*) In dem mir vorliegenden Originalmannstript lautete die nachfolgendeStelle ursprünglich, wie folgtiIn der That, wie George Sand in Prosa alleandern schönwissenschastlicheil Autoren in Frantreich überragt, so ist Alfred