Üb«' die französische Bühne. 241
nicht ansehen," bemerkte Herr Rcndnel zerstreut. Wie, rief ich, erist also nicht ganz frei davon? „Nicht so ganz und gar," war dieverlegene Antwort, und nach vielem Drängen gestand mir FreundRendnel, er habe eines Morgens Herrn Hugo in dem Momente über-rascht, wo er daS Hemd wechselte, und da bade er bemerkt, daß eineseiner Hüften, ich glaube die rechte, so mißwüchsig hervortretend sei,wie mau es bei Leuten findet, von denen das Volk zu sagen Pflegt,sie hätten einen Buckel, nur wisse man nicht, wo er sitze. Das Volkin seiner scharfsinnigen Naivität nennt solche Leute auch verfehlteBucklichte, falsche Buckelmenschcn, so wie es die Albinos weiße Mohrennennt. Es ist bedeutsam, daß es eben der Verleger deS Dichterswar, dem jene Diffvrmität nicht verborgen blieb. Niemand ist einHeld vor seinem Kammerdiener, sagt das Sprichwort, und vor seinemVerleger, dein lauernden Kammerdiener seines Geistes, wird auch dergrößte Schriftsteller nicht immer als ein Heros erscheinen; sie sehenuns zu oft in unserem menschlichsten Neglige. Jedenfalls ergötzte ichmich sehr an der Entdeckung Renduels, denn sie rettet die Ideemeiner deutschen Philosophie, daß nämlich der Leib der sichtbare Geistist und die geistigen Gebresten auch in der Körperlichkeit sich offen-baren. Ich muß mich ausdrücklich gegen die irrige Annahme Ver-lvahren, als ob auch das Umgekehrte der Fall sein müsse, als ob derLeib eines Menschen ebenfalls immer sein sichtbarer Geist wäre, unddie äußerliche Mißgestalt auch ans eine innere schließen lasse. Nein,wir haben in verkrüppelten Hüllen sehr vft die geradgewachsen schönstenSeelen gefunden, ivas um so erklärlicher, da die körperlichen Diffor-mitätcn gewöhnlich durch irgend ein physisches Ereignis entstandensind, und nicht selten auch eine Folge von Vernachlässigung oderKrankheit nach der Geburt. Die Difformität der Seele hingegenwird mit zur Welt gebracht, und so hat der französische Poet, anwelchem alles falsch ist, auch einen falschen Buckel.
Wir erleichtern nnS die Beurteilung der Werke George Sands,indem wir sagen, daß sie den bestimmtesten Gegensatz zu denen desVictor Hugo bilden. Jener Autor hat alles, was diesem fehlt;George Sand hat Wahrheit, Natur, Geschmack, Schönheit und Be-geisterung, und alle diese Eigenschaften verbindet die strengste Harmonie.George Sands Genius hat die wohlgcrnndet schönsten Hüften, undalles, ivas sie fühlt und denkt, haucht Tiefsinn und Anmut. Ihr Stilist eine Lffcnbarnng von Wohllaut und Reinheit der Form. WaS aberden Stoff ihrer Darstellungen betrifft, ihre Sujets, die nicht seltenschlechte Sujets genannt werden dürften, so enthalte ich mich hier jederBemerkung, und ich überlasse dieses Thema ihren Feinden *) - ."
") „mid ich überlasse dieses Thema der Diskussion ihrer tugendhaften Feinde,die ein bißchen eifersüchtig aus ihre unmoralischen Erfolge sind." schlicht dieserSah in der französischen Ausgabe. Der Herausgeber.
Hciue's Werke. X. Vd. Ig