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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französische Bühne. 235

den kleinen Theatern spielen sieht, erhalten gewöhnlich gar keine Gage,im Gegenteil, sie bezahlen noch monatlich den Direktoren eine be-stimmte Snmme für die Vergünstigung, daß sie ans ihrer Bühne sichproduzieren können. Man weiß daher selten hier, wo die Aktriceund die Conrtisanc ihre Rolle wechseln, Ivo die Komödie aufhört unddie liebe Natur wieder anfängt, wo der fünffüßige Jambus in dieviersüßigc Unzucht übergeht. Diese Amphibien von Kunst und Laster,diese MUusinen des Seinestrandes, bilden gewiß den gefährlichstenTeil des galanten Paris, worin so viele holdselige Monstra ihr Wesentreiben. Wehe dem Unerfahrenen, der in ihre Netze gerät! Weheauch dem Erfahrenen, der wohl weiß, daß das holde Ungetüm ineinen häßlichen Fischschwanz endet, und dennoch der Bezanbernng nichtzu widerstehen vermag, und vielleicht eben durch die Wollust desinneren Grauens, durch den fatalen Reiz des lieblichen Verderbens,des süßen Abgrundes, desto sicherer überwältigt wird!

Die Weiber, von welchen hier die Rede, sind nicht böse oderfalsch, sie sind sogar gewöhnlich von außerordentlicher Herzensgüte,sie sind nicht so betrüglich und so habsüchtig, wie man glaubt, siesind mitunter die treuherzigsten und großmütigsten Kreaturen; alleihre unreinen Handlungen entstehen durch das momentane Bedürfnis,die Not und die Eitelkeit; sie sind überhaupt nicht schlechter als andereTöchter Evas, die von Kind ans durch Wohlhabenheit und über-wachende Sippschaft oder durch die Gunst des Schicksals vor demFallen und dem Nochtieferfallen geschlitzt werden. — DaS Charak-teristische bei ihnen ist eine gewisse Zerstörnngssucht, von welcher siebesessen sind, nicht bloß zum Schaden eines GalanS, sondern auchzum Schaden desjenigen Mannes, den sie wirklich lieben, und zu-meist zum Schaden ihrer eigenen Person. Diese Zerstörnngssucht isttief verwebt mit einer Sucht, einer Wut, einem Wahnsinn nach Ge-nuß, dem augenblicklichsten Genuß, der keinen Tag Frist gestattet,an keinen Morgen denkt, und aller Bedenklichkeiten überhaupt spottet.Sie erpressen dem Geliebten seinen letzten Sau, bringen ihn dahin,auch seine Zukunft zu verpfänden, um nur der Freude der Stundezu genügen; sie treiben ihn dahin, selbst jene Ressourcen zu ver-geuden, die ihnen selber zu gute kommen dürften, sie sind manchmalsvgcn schuld, daß er seine Ehre eSkomptiert — kurz, sie ruinierenden Geliebten in der grancnhaftcstcn Eile und mit einer schauer-lichen Gründlichkeit. MvnteSqnien hat irgendwo in seinem lupoidüss kois das Wesen des Despotismus dadurch zu charakterisieren ge-sucht, daß er die Despoten mit jenen Wilden verglich, die, wenn siedie Früchte eines BnnmcS genießen wollen, sogleich zur Axt greifenund den Baum selbst nicderfälleu, und sich dann gemächlich nebenden Stamm niedersetzen und in genäschiger Hast die Früchte auf-speiseu. Ich möchte diese Vergleichnng auf die erwähnten Damen