234 Französische Zustände, II.
unter meinen Landsleuteu, die um wenigsten Talent für die edleSchauspielkunst besitzen, widmen sich dem Theater und werden Akteure,"Ich habe selbst früher bemerkt, daß das öffentliche Leben inFrankreich, das Reprkscntativshstem und das politische Treiben, diebesten schauspielerischen Talente der Franzosen absorbiert, und deshalbauf dem eigentlichen Theater nur die Mediokritäten zu finden sind.Dieses gilt aber nur von den Männern, nicht von den Weibern;die französische Bühne ist reich an Schauspielerinnen vom höchstenWert, und die jetzige Generation überflügelt vielleicht die frühere.Große, außerordentliche Talente bewundern wir, die sich hier um sozahlreicher entfalten konnten, da die Frauen durch eine ungerechteGesetzgebung, durch die Usurpation der Männer, von allen politischenÄmtern und Würden ausgeschlossen sind und ihre Fähigkeiten nichtaus den Brettern des Palais Bourbon und des Luxcmbvurg geltendmachen können, Ihrem Drang nach Öffentlichkeit stehen nur dieöffentlichen Häuser der Kunst und der Galanterie offen, und siewerden entweder Aktricen oder Loretten, oder auch beides zugleich,denn hier in Frankreich sind diese zwei Gewerbe nicht so streng geschieden, wie bei uns in Deutschlands wo die Komödianten oft zuden reputierlichsten Personen gehören und nicht selten sich durchbürgerlich gute Ausführung auszeichnen; sie sind bei uns nicht durchdie öffentliche Meinung wie Parias ausgestoßen aus der Gesellschaft,und sie finden vielmehr in den Häusern des Adels, in den Soireentoleranter jüdischer Bankiers und sogar in einigen honetten bürger-lichen Familien eine zuvorkommende Aufnahme, Hier in Frankreichim Gegenteil, wo so viele Vorurteile ausgerottet sind, ist das Ana-thema der Kirche noch immer wirksam in Bezug auf die Schauspieler;sie werden noch immer als Verworfene betrachtet, und da die Menschenimmer schlecht werden, wenn man sie schlecht behandelt, so bleibenmit wenigen Ausnahmen die Schauspieler hier im verjährten Zu-stande des glänzend schmutzigen Zigcnncrtums, Thalia und dieTugend schlafen hier selten in demselben Bette, und sogar unsereberühmteste Melpomenc steigt manchmal von ihrem Kothurn herunter,um ihn mit den liederlichen Pautöffelchcn einer Philiuc zu vertauschen.Alle schöne Schauspielerinnen haben hier ihren bestimmten Preis,und die, welche um keinen bestimmten Preis zu haben, sind gewißdie teuersten. Die meisten jungen Schauspielerinnen werden vonVerschwendern oder reichen Parvenüs unterhalten. Die eigentlichenunterhaltenen Frauen, die sogenannten kommessntwstönruzs, empfindendagegen die gewaltigste Sucht, sich auf dem Theater zu zeigen, eineSucht, worin Eitelkeit und Kalkül sich vereinigen, da sie dort ambesten ihre Körperlichkeit zur Schau stellen, sich den vornehmen Lüst-lingen bemerkbar machen und zugleich auch vom größeren Publikumbewundern lassen können. Diese Personen, die man besonders auf