232 Französisch? Zustände. II.
nächster Zweck war, nicht ans dem Theater seine Prinzipien zn pro-klamieren, sondern vom Theater Besitz zu nehmen. Daß ihm diesgelingen könne, erregte aber eine große Furcht unter gewissen kleinenLeuten, denen die angedeuteten religiösen, politischen und moralischenDifferenzen ganz fremd sind, und die nur den gemeinsten Handwerks-intcrcsscn huldigen. Das sind die sogenannten Bühnendichter, diein Frankreich, ebenso wie bei uns in Deutschland, eine ganz abgesonderte Klasse bilden und, wie mit der eigentlichen Litteratnr selbst,so auch mit den ausgezeichneten Schriftstellern, deren die Nation sichrühmt, nichts gemein haben. Letztere, mit wenigen Ausnahmen,stehen dem Theater ganz fern, nur daß bei uns die großen Schriftsteiler mit vornehmer Geringschätzung sich eigenwillig von der Bretterweit abwenden, während sie in Frankreich sich herzlich gern daraufproduzieren möchten, aber durch die Machinationen der erwähntenBühnendichter von diesem Terrain zurückgetrieben werden. Und imGrunde kann man es den kleinen Leuten nicht verdenken, daß siesich gegen die Invasion der Großen so viel als möglich wehren.„Was wollt ihr bei uns," rufen sie, „bleibt in eurer Litteratnr, unddrängt euch nicht zu unseren Suppentöpfcn! Für euch der Ruhm,für uns das Geld! Für euch die langen Artikel der Bewunderung,die Anerkenntnis der Geister, die höhere Kritik, die uns arme Schelmeganz ignoriert! Für euch der Lorbeer, für uns der Braten! Füreuch der Rausch der Poesie, für uns der Schaum des Champagners,den wir vergnüglich schlürfen in Gesellschaft des Chefs der Clagnenrcund der anständigsten Damen. Wir essen, trinken, werden applaudiert,ausgepfiffen und vergessen, während ihr in den Rcvücn .beider Welten'gefeiert werdet und der erhabensten Unsterblichkeit cntgegenhnngcrt!"
In der That, das Theater gewährt jenen Bühnendichtern denglänzendsten Wohlstand; die meisten von ihnen werden reich, lebenin Hülle und Fülle, statt daß die größten Schriftsteller Frankreichs,ruiniert durch den belgischen Nachdruck und den bankerotten Zustanddes Buchhandels, in trostloser Armut dahindarbcn. Was ist natürlicher, als daß sie manchmal nach den goldenen Früchten schmachten,die hinter den Lampen der Brettcrwelt reife», und die Hand darnachausstrecken, wie jüngst Balzac that, dein solches Gelüst so schlechtbekam! Herrscht schon in Deutschland ein geheimes Schutz- und Trutz-bündnis zwischen den Mittelmäßigkeiten, die daS Theater ansbentcn,so ist das in weit schnöderer Weise der Fall zn Paris, wo alle dieseMisere centralisiert ist. Und dabei sind hier die kleinen Leute soaktiv, so geschickt, so unermüdlich in ihrem Kampf gegen die Großen,und ganz besonders in ihrem Kampf gegen das Genie, das immerisoliert steht, auch etwas ungeschickt ist, und, im Vertrauen gesagt,auch gar zu träumerisch träge ist.
Welche Aufnahme fand nun das Drama von George Sand, des