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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
229
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Über die französische Biihiib, 229

Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seineleichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischenTiessinn, , / Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwasschmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopinmnst man Genie zusprechen in der vollen Bedeutung des Wortes;er ist nicht blast Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie,die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter,und nichts gleicht dem Genust, den er nns verschafft, wenn er amKlavier siht und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole, nochFranzose, noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung,man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels,Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumrcich der Poesie.Wenn er am Klavier siht und improvisiert, ist es mir, als besuchemich ein Landsmann ans der geliebten Heimat und erzähle mir diekuriosesten Dinge, die während meiner Abwesenheit dort passiert sind. . . Manchmal mächt' ich ihn mit Fragen unterbrechen: Und wiegeht's der schönen Nixe, die ihren silbernen Schleier so kokett um diegrünen Locken zu binden wustte? Verfolgt sie noch immer der weistbärtige Meergott mit seiner närrisch abgestandenen Liebe? Sind beinns die Rosen noch immer so flaimneustolz? Singen die Bäume nochimmer so schön im Mondschein? . . .

Ach, es ist schon so lange her, dast ich in der Fremde lebe, undmit meinem fabelhaften Heimweh komme ich mir manchmal vor, wieder fliegende Holländer und seine Schiffsgcnossen, die auf den kaltenWellen ewig geschaukelt werden und vergebens zurückverlangen nachden stillen Kaien, Tulpen, Myfrowcn, Thonpfeifen und Porzellantasten vvu Holland . . . „Amsterdam! Amsterdam! wann kommennur wieder nach Amsterdam!" seufzen sie im Sturm, während dieHeulwinde sie beständig hin und her schleudern auf den verdammtenWogen ihrer Wasscrhölle. Wohl begreife ich den Schmerz, wvmitder Kapitän des verwünschten Schiffes einst sagte: „Komme ich jemalszurück nach Amsterdam, so will ich dort lieber ein Stein werden anirgend einer Strastcuecke, als dast ich jemals die Stadt wieder verlasse!" Armer Vanderdeckcn!

Ich hoffe, liebster Freund, dast diese Briefe Sie froh und heiterantreffen, im rosigen Lebenslichte, und dast es mir nicht wie dem fliegen-den Holländer ergehe, dessen Briefe gewöhnlich an Personen gerichtetsind, die während seincrAbwescnheit in dcr.Heimat läugstverstorbcu sind!

Ach, wie viele meiner Lieben sind dahingeschieden, während meinLcbensschiff in der Fremde von den fatalsten Stürmen hin und hergetrieben wird! Ich fange an schwindelig zu werden, und ich glaube,auch die Sterne am Himmel stehen nicht mehr fest und bewegen sichin leidenschaftlichen Kreisen. Ich schliche die Augen, und dann greifennach mir die tollen Träume mit ihren langen Armen, und "ziehen