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10 (1898) Französische Zustände : 2
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228 Französische Zustande, ll.

zu geben, und daß wir einen schönen Vers nicht deshalb bewundern,weil seine Anfertigung viele Mühe gekostet hat, so wird man baldeinsehen, daß es hinlänglich ist, wenn ein Musiker alleS, was erfühlt und denkt, oder was andere gefühlt und gedacht, durch seinInstrument mitteilen kann, und daß alle virtnosischen l'ours äs toroo,die nur von der überwundenen Schwierigkeit zeugen, als nnnützerSchall zu verwerfen und ins Gebiet der Taschenspieler«, des Volteschlagcns, der verschluckten Schwerter, der Valancicrkünste und derEiertänze zu verweisen sind. Es ist hinreichend, daß der Musikersein Instrument ganz in der Gewalt habe, daß man des materiellenVermitteln?' ganz vergesse und nur der Geist vernehmbar werde.Überhaupt, seit Kalkbrcnner die Kunst des Spiels zur höchsten Voll-endung gebracht, sollten sich die Pianisten nicht viel auf ihre technischeFertigkeit einbilden. Nur Aberwitz und Böswilligkeit durften inpedantischen Ausdrücken von einer Revolution sprechen, welche Thalberg auf seinem Instrumente hervorgebracht habe. Man hat diesemgroßen, vortrefflichen Künstler einen schlechten Dienst erwiesen, alsman, statt die jugendliche Schönheit, Zarte und Lieblichkeit seinesSpiels zu rühmen, ihn als einen Kolumbus darstellte, der ans demPianoforte Amerika entdeckt habe, während die andern sich bishernur mühsam um die Vorgebirge der guten Hoffnung hcrumspiclenmußten, wenn sie daS Publikum mit musikalischen Spezcreieu er-quicken wollten. Wie mußte Kalkbrenner lächeln, als er von derneuen Entdeckung hörte!

Es wäre ungerecht, wenn ich bei dieser Gelegenheit nicht einesPianisten erwähnen wollte, der neben Liszt am meisten gefeiert wird.Es ist Chopin*), der nicht bloß als Virtuose durch technische Voll-endung glänzt, sondern auch als Komponist das Höchste leistet. Dasist ein Mensch vom ersten Range. Chopin ist der Liebling jenerElite, die in der Musik die höchsten GeistcSgcnüsse sucht. Sein Ruhmist aristokratischer Art, er ist parfümiert von den Lobsprüchcn derguten Gesellschaft, er ist vornehm wie seine Person.

Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hateinen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen. Diese Einflüssedreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich daS Beste angeeignet, wodurchsich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seineu chevalercsken

*) Im ältesten Abdruck lautet diese Stelle: „Es ist Chopin. und dieser knuuzugleich als Beispiel dieneu. wie es einem außerordentlichen Menschen nicht ge-nügt, in der technischen Vollendung mit den Besten seines Faches rivalisieren zutonnen. Chopin ist nicht damit zufrieden, daß seine Hände ob ihrer Fertigkeitvon andernj Händen beifällig beklatscht werden: er strebt nach einem besserenLorbeer, seine Finger sind nur die Diener seiner Seele, nnd diese wird applaudiertvon Leuten, die nicht bloß mit den Ohren hören, sondern auch mit der Seele.Er ist daher der Liebling jener Elite ?c." Der Heransgeber.