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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französische Bühne. 227

verflossenen Winter zuletzt spielen hörte, ich weiß nicht mehr waS,aber ich möchte darauf schwören, er variierte einige Themata ausder Apokalypse. Anfangs konnte ich sie nicht ganz deutlich sehen,die vier mystischen Tiere, ich hörte nur ihre Stimme, besonders dasGebrüll der Löwen und das Krächzen des Adlers. Den Ochsen mitdem Bnch in der Hand sah ich ganz genau. Am besten spielte erdas Thal Josaphat. ES waren Schranken wie bei einem Turnier,und als Zuschauer um den ungeheueren Raum drängten sich dieauferstandenen Völker, grabesblcich und zitternd. Zuerst galoppierteSatan in die Schranken, schwarz geharnischt auf einem milchweißenSchimmel. Langsam ritt hinter ihm her der Tod auf seinem fahlenPferde. Endlich erschien Christus, in goldener Rüstung, auf einemschwarzen Roß, und mit seiner heiligen Lanze stach er erst Satanzu Boden, hernach den Tod, und die Zuschauer jauchzten . . .Stürmischen Beifall zollte man dem Spiel des wackeren Liszt, welcherermüdet das Klavier verließ, sich vor den Damen verbeugte . . . Ilmdie Lippen der Schönsten zog jenes melancholisch-süße Lächeln, welchesan Italien erinnert und den Himmel ahnen läßt . . .

Das eben erwähnte Konzert hatte für das Publikum noch einbesonderes Interesse. Aus Journalen wissen Sie zur Genüge, welchestrübselige Mißverhältnis zwischen Liszt und dem Wiener PianistenThalbcrg herrscht, welchen Rumor ein Artikel von Liszt gegen Thalberg in der »insikalischen Welt erregt hat, und welche Rollen dielauernde Feindschaft und Klatschsucht sowohl zum Nachteil des Kritikersals des Kritisierten dabei spielten. In der Blütenzeit dieser skandalösenReibungen entschlossen sich nun beide Helden des Tages, in demselbenKonzerte, einer »ach dem andern, zu spielen. Sie setzten beide dieverletzten Privatgcfühle beiseite, um einen wohlthätigen Zweck zufördern, und das Publikum, welchem sie Gelegenheit boten, ihreeigentümlichen Verschiedenheiten durch augenblickliche Vcrgleichnng zuerkennen und zu würdigen, zollte ihnen reichlich den verdienten Beifall.

Ja, man braucht den inusikalischen'Charakter beider nur einmalzu vergleichen, um sich zu überzeugen, daß es von ebenso großerHeimtücke wie Beschränktheit zeugt, wenn man den einen ans Kostendes andern lobt. Ihre technische Ausbildung wird sich wohl dieWage halten, und was ihren geistigen Charakter betrifft, so läßt sichwohl kein schrofferer Kontrast erdenken, als der edle, seelenvolle, verständige, gemütliche, stille, deutsche, ja österreichische Thalberg, gegenüberdein wilden, wcttcrlcuchtcndcn, vulkanischen, himiuelstürinenden Liszt!

Die Vergleichung zivischeu Virtuosen beruht gewöhnlich auf einemIrrtum, der einst auch in der Poetik florierte, nämlich in dem so-genannten Prinzip von der überwundenen Schwierigkeit. Wie mauaber seitdem eingesehen hat, daß die metrische Form eine ganz andereBedeutung hat, als von der Sprachkünstlichkeit des Dichters Zeugnis

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