226 Französische Zustände. II.
Passionen erwecken. Es gehört Feuer dazu, um die Menschen zuentzünden, sowohl zum Haß als zur Liebe. Was am besten fürLiszt zeugt, ist die volle Achtung, womit selbst die Gegner seinenpersönlichen Wert anerkennen. Er ist ein Mensch von verschrobenem,aber edlem Charakter, uneigennützig und vhne Falsch. Höchst merk?würdig sind seine Geistcsrichtungen, er hat große Anlagen zur Spckulation, und mehr noch, als die Interessen seiner Kunst, interessierenihn die Untersuchungen der verschiedenen Schulen, die sich mit derLösung der grvßen, Himmel und Erde umfassenden Frage beschäftigen.Er glühte lange Zeit für die schöne Saint-Simonistische Weltansicht,später umnebelten ihn die spiritnalistischen oder vielmehr vaporischcnGedanken von Ballanchc, jetzt schwärmt er für die republikanischkatholischen Lehren eines Lamcnnais, welcher die Jakobinermütze anfsKreuz gepflanzt hat . . . Der Himmel weiß, in welchem Geistesstaller sein nächstes Steckenpferd finden wird. Aber lobenswert bleibtimmer dieses unermüdliche Lechzen nach Licht und Gottheit, es zeugtvon seinem Sinn für das Heilige, für das Religiöse. Daß ein sounruhiger Kops, der von allen Nöten und Doktrinen der Zeit in dieWirre getrieben wird, der das Bedürfnis fühlt, sich um alle Bedürfnisse der Menschheit zu bekümmern, und gern die Nase in alleTöpfe steckt, worin der liebe Gott die Zukunft kocht: daß Franz Lisztkein stiller Klavierspieler für ruhige Staatsbürger und gemütlicheSchlafmützen sein kann, das versteht sich von selbst. Wenn er amFvrtepiano sitzt und sich mehrmals das Haar über die Stirne zurück-gestrichen hat und zu improvisieren beginnt, dann stürmt er nichtselten allzu toll über die elfenbeinernen Tasten und es erklingt eineWildnis von himmelhohen Gedanken, wozwischcn hie und da diesüßesten Blumen ihren Duft verbreiten, daß man zugleich beängstigtund beseligt wird, aber doch noch mehr beängstigt.
Ich gestehe es Ihnen, wie sehr ich auch Liszt liebe, so wirkt dochseine Musik nicht angenehm ans mein Gemüt, um so mehr, da ich einSonntagskind bin und die Gespenster auch sehe, welche andere Leutenur hören, da, wie Sie wissen, bei jedem Ton, den die Hand aufdem Klavier anschlägt, auch die entsprechende Klangfigur in meineminneren Auge sichtbar wird. Noch zittert mir der Verstand im Kopfebei der Erinnerung des Konzertes, worin ich Liszt zuletzt spielen hörte.Es war im Konzerte für die unglücklichen Italiener, im Hotel jenerschönen, edlen und leidenden Fürstin, welche ihr leibliches und ihrgeistiges Vaterland, Italien und den Himmel, so schön repräsen-tiert . . . sSie haben sie gewiß in Paris gesehen, die ideale Gestalt,welche dennoch nur daS Gefängnis ist, worin die heiligste Engclsccleeingekerkert worden. . . Aber dieser Kerker ist so schön, daß jederwie verzaubert davor stehen bleibt und ihn anstaunt) ... Es warim Konzerte zum Besten der unglücklichen Italiener, wo ich Liszt