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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französische Böhne, 225

würdigsten Erscheinungen in der hiesigen musikalischen Welt; ich sagedie merkwürdigsten, nicht die schönsten, nicht die erfreulichsten. VonBerlioz werden wir bald eine Oper erhalten, DaS Süjet ist eineEpisode anK dem Leben Bcnvennto CelliniS, der Guß des Perscus.Man crivartet Außerordentliches, da dieser Komponist schon Außer-ordentliches geleistet, seine GeisteSrichtung ist daS Phantastische,nicht verbunden mit Gemüt, sondern mit Sentimentalität; er hatgroße Ähnlichkeit mit Callot, Gozzi und Hoffmann, Schon seineäußere Erscheinung deutet darauf hin, ES ist schade, daß er seineungchcnrc, antediinviauische Frisur, diese aufsträubenden Haare, dieüber seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sicherhoben, abschneiden lassen; so sah ich ihn zum ersten Male vorsechs Jahren, und so wird er immer in meinem Gedächtnisse stehen.Es war im Oonssrvntoirs äo iilusigus, und man gab eine großeSymphonie von ihm, ein bizarres Nachtstnck, das mir zuweilen erhelltwird von einer sentimental weißen Weiberrobe, die darin hin undher flattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie, DaSBeste darin ist ein Hexensabbath, Ivo der Teufel Messe liest und diekatholische Kirchenmusik mit der schauerlichsten, blutigsten Pvssen-haftigkeit parodiert wird. Es ist eine Farce, wobei alle geheimenSchlangen, die wir im Herzen tragen, freudig emporzischen. MeinLogennachbnr, ein redseliger junger Mann, zeigte mir den Komponisten,welcher sich am äußersten Ende deS Saales in einem Winkel desOrchesters befand und die Pauke schlug. Denn die Pauke ist seinInstrument, „Sehen Sie in der Avantscene," sagte mein Nachbar,„jene dicke Engländerin? Das ist Miß Smithson; in diese Dame istHerr Berlioz seit drei Jahren sterbenSvcrliebt, und dieser Leidenschaftverdanken nur die wilde Symphonie, die Sie heute hören," In derThat, in der Avantscene-Loge saß die berühmte Schauspielerin vonCovcntgarden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr hin, undjedesmal, wenn sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los aufseiue Pauke, wie wütcud. Miß Smithson ist seitdem Madame Berliozgeworden, und ihr Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneidenlassen. Als ich diesen Winter im Eonservatoirc wieder seine Symphoniehörte, saß er wieder als Paukenschläger im Hintergründe des Orchesters,die dicke Engländerin saß wieder in der Avantscene, ihre Blicke b'egegnetensich wieder , . . aber er schlug nicht mehr so wütend auf die Pauke,Liszt ist der nächste Wahlvcrwandtc von Berlioz und weiß dessenMusik am besten zu exekutieren. Ich brauche Ihnen von seinemTalente nicht zu reden; sein Ruhm ist europäisch. Er ist unstreitigderjenige Künstler, welcher in Paris die unbedingtesten Enthusiastenfindet, aber auch die eifrigsten Widersacher, Das ist ein bedeutendesZeichen, daß niemand mit Indifferenz von ihm redet. Ohne positivenGehalt kann man in dieser Welt weder günstige, noch feindliche

He, ine's Werke. X. Bd. 15