224 Französische Zustande, II.
pirouettieren, und die wir, nach der Analogie von Iiis ännsnnt, dentanzenden Schnupfen nennen möchten. Wenn nun eine Tänzerinnicht auftreten will, hat sie ebensogut ihren unabweisbaren Borwand,wie die beste Sängerin. Der ehemalige Direktor der großen Operverwünschte sich oft zu allen Teufeln, wenn „Die Sylphide" gegebenwerden sollte, und die Taglioni ihm meldete, sie könne heute keineFlügel und keine Trikothosen anziehen und nicht auftreten, denn siehabe den tanzenden Schnupfen. . . Der große Bcro», in seiner tiefsinnigen Weise, entdeckte, daß der tanzende Schnupfen sich von demsingenden Schnupfen der Sängerinnen nicht bloß durch die Farbe,sondern auch durch eine gewisse Regelmäßigkeit unterscheide, und seinejedesmalige Erscheinung lange voraus berechnet werden könne; dennder liebe Gott, ordnungsliebend wie er ist, gab den Tänzerinnen eineUnpäßlichkeit, die im Zusammenhang mit den Gesehen der Astronomie,der Physik, der Hydraulik, kurz des ganzen Universums steht undfolglich kalkulabel ist; der Schnupfen der Sängerinnen hingegen isteine Privaterfindung, eine Erfindung der Weiberlaunc, und folglichinkalkulabel. In diesem Umstand der Bercchcnbarkcit der periodischenWiederkehr des tanzenden Schnupfens suchte der große Vervn eineAbhilfe gegen die Vexationen der Tänzerinnen, und jedesmal, wenneine derselben den ihrigen, nämlich den tanzenden Schnupfen, bekam,ward das Datum dieses Ereignisses in ein besonderes Buch genauaufgezeichnet, und das ist das rote Buch, welches eben Herr Dupvuchclin Händen hielt und in welchem er nachrechnen konnte, an welchemTage die Taglioni . . . Dieses Buch, welches den JnventionSgcist,und überhaupt den Geist des ehemaligen Operndirektvrs, des Vcron,charakterisiert, ist gewiß von praktischer Nützlichkeit.
Aus den vorhergehenden Bemerkungen werden Sie die gegen-wärtige Bedeutung der französischen großen Oper begriffen haben.Sie hat sich mit den Feinden der Musik ausgesöhnt, und, wie indie Tuilerien ist der wohlhabende Bürgcrstand auch in die ^ouclsmiseis musigus eingedrungen, während die vornehme Gesellschaft dasFeld geräumt hat. Die schöne Aristokratie, diese Elite, die sich durchRang, Bildung, Geburt, Fashiou und Müßiggang auszeichnet, flüchtetesich in die italienische Oper, in diese musikalische Oase, wo die großeilNachtigallen der Kunst noch immer trillern, die Quellen der Melodienoch immer zaubervoll rieseln, und die Palmen der Schönheit mitihren stolzen Fächern Beifall winken. . . während ringsumher eineblasse Sandwüste, eine Sahara der Mnsik. Nur noch einzelne guteKonzerte tauchen manchmal hervor in dieser Wüste und gewährendem Freunde der Tonkunst eine außerordentliche Labung. Dahingehörten diesen Winter die Sonntage des Conscrvatoires, einigePrivatsoireen auf der Rue du Bondy, und besonders die Konzertevon Berlioz und Liszt. Die beiden letzteren sind wohl die merk-