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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Über die französische Bühne. 223

das rote, lebenslustige Gesicht mit den kleinen blinzelnden Augen nurwenig zum Vorschein kommt. In dem Bewußtsein seiner Menschenkenninis und seines Gelingens wälzt er sich so behaglich, so insolentbehaglich einher, umgeben von einem Hofstaate junger, mitunterauch ältlicher Dandics der Litteratur, die er gewöhnlich mit Champagneroder schönen Figuranlinncn rcgaliert. Er ist der Gott des Materialis-mus, und sein gcistverhöhnender Blick schnitt mir oft peinigend insHerz, wenn ich ihm begegnete; manchmal dünkte mir, als kröchen ausseineu Augen eine Menge kleiner Würmer, klebricht und glänzend.

Herr Dupvnchcl ist ein hagerer, gelbblasser Mann, welcher, wonicht edel, doch vornehm aussieht, immer trist, eine Leichenbittermiene,und jemand nannte ihn ganz richtig: un cksuil psrpstmsl. Nachseiner äußeren Erscheinung würde man ihn eher für den Ausseherdes I'sriz In elurms, als für den Direktor der großen Oper halten. Ercriuncrl mich immer an den melancholischen Hofnarren Ludwigs Xlil.Dieser Ritler von der traurigen Gestalt ist jetzt Nultrs cls plaisirder Pariser, und ich möchte ihn manchmal belauschen, wenn er einsamin seiner Behausung auf neue Späße sinnt, womit er seinen Souverän,daS französische Publikum, ergötzen soll, wenn er wehmütig-närrischdas trübe Haupt schüttelt, daß die Schellen au seiner schwarzen Kappewie seufzend klingeln, wenn er für die Falcon die Zeichnung einesneuen .tlostüms koloriert, und wenn er das rote Buch ergreift, umnachzusehen, ob die Taglivni . . .

Sic sehen mich verwundert an? Ja, das ist ein kurioses Buch,dessen Bedeutung sehr schwer mit anständigen Worten zu erklärensein möchte. Nur durch Analogien kann ich mich hier verständlichmachen. Wissen Sie, was der Schnupfen der Sängerinnen ist? Ichhöre Sie seufzen, und Sie denken wieder an Ihre Märtyrerzeit: dieletzte Probe ist überstanden, die Oper ist schon für den Abend an-gekündigt, da kommt plötzlich die Primadonna und erklärt, daß sienicht singen könne, denn sie habe den Schnupfen. Da ist nichtsanzufangen, ein Blick gen Himmel, ein ungeheurer theatralischerSchmerzensblick! und ein neuer Zettel wird gedruckt, worin maneinem verchrnngSwnrdigen Publikum anzeigt, daß die Vorstellungder „Vestalin", wegen Unpäßlichkeit der Mademoisclle Schnaps, nichtstattfinden könne und. statt dessen „Rochus Pumpernickel" ausgeführtwird. Den Tänzerinnen half eS nichts, wenn sie den Schnupfenansagte», er hinderte sie ja nicht am Tanzen, und sie beneidetenlange Zeit die Sängerinnen ob jener rheumatischen Erfindung, womitdiese sich zu jeder Zeit einen Feierabend und ihrem Feinde, demThcatcrdircttor, einen Leidenstag verschaffen tonnten. Sic erflehtendaher vom lieben Gott dasselbe Qnalrccht, und dieser, ein FreunddcS Balletts, wie alle Monarchen, begabte sie mit einer Unpäßlichkeit,die, an sich selber harmlos, sie dennoch verhindert, öffentlich zu