222 Französische Zustände. II.
Zehnter Brief.
Außer Meyerbeer besitzt die ^oaäämis ro^aks äs mn^iguowenige Tondichter, von welchen es der Mühe lohnte ausführlich zureden. Und dennoch befindet sich die französische Oper in der reichstenBlüte, oder, um mich richtiger auszudrücken, sie erfreut sich täglicheiner guten Rccettc. Dieser Znstand des Gedeihens begann vorsechs Jahren durch die Leitung des berühmten Herrn Bcron, dessenPrinzipien seitdem von dem neuen Direktor, Herrn Duponchcl, mitdemselben Erfolg angewendet werden. Ich sage Prinzipien, denn inder That, Herr Bcron hatte Prinzipien, Resultate seines Nachdenkensin der Kunst und Wissenschaft, und wie er als Apotheker eine vor-treffliche Mixtur für den Husten erfunden hat, so erfand er alsOperndirektor ein Heilmittel gegen die Musik. Er hatte nämlich ansich selber bemerkt, daß ein Schauspiel von Franconi ihm mehr Ver-gnügen machte als die beste Oper; er überzeugte sich, daß der größteTeil des Publikums von denselben Empfindungen beseelt sei, daßdie meisten Leute aus Kvnvcnienz in die große Oper gehen nnd nurdann sich dort ergötzen, wenn schöne Dekorationen, Kostüme undTänze so sehr ihre Aufmerksamkeit fesseln, daß sie die fatale Mnsikganz überhören. Der große Vervn kam daher auf den genialenGedanken, die Schaulust der Leute in so hohem Grade zu befriedigen,daß die Musik sie gar nicht mehr genieren kann, daß sie in dergroßen Oper dasselbe Vergnügen finden wie bei Franconi. Dergroße Vervn und das große Publikum verstanden sich; jener wußtedie Musik unschädlich zu machen, nnd gab unter dem Titel „Oper"nichts als Pracht- nnd Spektakelstückc; dieses, das Publikum, konntemit seinen Töchtern und Gattinnen in die große Oper gehen, wiees gebildeten Ständen ziemt, ohne vor Langeweile zu sterben. Amerikawar entdeckt, das Ei stand auf der Spitze, das Opernhaus füllte sichtäglich, Franconi ward überboten nnd machte Bankrott, nnd Herr Veronist seitdem ein reicher Mann. Der Name Vervn wird ewig lebenin den Annalen der Mnsik; er hat den Tempel der Göttm verschönert,aber sie selbst zur Thür hinausgeschmissen. Nichts übertrifft denLuxus, der in der großen Oper überhand genommen, nnd diese istjetzt das Paris der Harthörigen.
Der jetzige Direktor folgt den Grundsätzen seines Vorgängers,obgleich er zu der Persönlichkeit desselben den ergötzlich schroffstenKontrast bildet. Haben Sie Herrn Bcron jemals gesehen? Im Cassde Paris oder auf dem Boulevard Coblcnce ist sie Ihnen gewißmanchmal aufgefallen, diese feiste karikierte Figur, mit dem schiefeingedrückten Hute ans dem Kvpfe, welcher in einer ungeheurenweißen Krawatte, deren Vatermörder bis über die Ohren reichen, umein überreiches Flechtengeschwür zu bedecken, ganz vergraben ist, so daß