Druckschrift 
10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
217
Einzelbild herunterladen
 

Über die französische Bühne. 217

es mangelte ihm der siegreiche Glaube an sich selbst, er zeigte Furchtvor der öffentlichen Meinung, der kleinste Tadel erschreckte ihn, erschmeichelte allen Launen des Publikums, und gab links und rechtsdie eifrigsten ?oi^nsss äs nrain, als habe er auch in der Musikdie Volkssonveränität anerkannt und begründe fein Regiment aufStimmenmehrheit, im Gegensatze zu Rossini, der als König vonGottes Gnade im Reiche der Tonkunst absolut herrschte. Diese Ängst-lichkeit hat ihn im Leben noch nicht verlassen; er ist noch immer be-sorgt um die Meinung des Publikums, aber der Erfolg von Robertle Diable bewirkte glücklicherweise, daß er von jener Sorge nichtbelästigt wird, während er arbeitet, daß er mit weit mehr Sicherheitkomponiert, daß er den großen Willen seiner Seele in ihrenSchöpfungen hervortreten läßt, lind mit dieser erweiterten Geistes-freiheit schrieb er die Hugenotten, worin aller Zweifel verschwunden,der innere Selbstkampf anfgehört und der äußere Zweikampf an-gefangen hat, dessen kolossale Gestaltung uns in Erstaunen setzt. Erstdurch dieses Werk gewann Meherbcer sein unsterbliches Bürgerrechtin der ewigen Geisterstadt, im himmlischen Jerusalem der Kunst.In den Lmgenvtte» offenbart sich endlich Mcyerbeer ohne Scheu;mit unerschrockenen Linien zeichnete er hier seinen ganzen Gedanken,und alles, was seine Brust bewegte, wagte er auszusprechen in un-gezügelten Tönen.

Was dieses Werk ganz besonders auszeichnet, ist das Gleichmaß,das zwischen dem Enthusiasmus und der artistischen Bollendung statt-findet , oder, um mich besser auszudrücken, die gleiche Höhe, welchedarin die Passion und die Kunst erreichen; der Mensch und der.Künstler haben hier gewetteifert, und wenn jener die Sturmglockeder wildesten Leidenschaft anzieht, weiß dieser die rohen Natnrtönczum schauerlich süßesten Wohllaut zu verklären. Während die großeMenge ergriffen wird von der inneren Gewalt, von der Passion derHngcnoiten, bewundert der Kunstverständige die Meisterschaft, die sichin den Formen bekundet. Dieses Werk ist ein gotischer Dom, dessenhimmclstrebender Pfeilerban und kolossale Kuppel von der kühnenHand eines Riesen aufgepflanzt zu sein scheinen, während die un-zähligen, zierlich feinen Fcstons, Rosetten und Arabesken, die wieein steinerner Spitzcnschlcier darüber ausgebreitet sind, von einerunermüdlichen ZwergSgednld Zeugnis geben. Riese in der Eoneeption und Gestaltung deS Ganzen, Zwerg in der mühseligen Aus-führung der Einzelheiten, ist nnS der Baumeister der Hugenottenebenso unbegreiflich, wie die Kvmpositvren der alten Dome. Als ichjüngst mit einem Freunde vor der Kathedrale zu Amiens stand, undmein Freund dieses Monument von felsentürmendcr Riesenkraft undunermüdlich schnitzelnder ZwergSgednld mit Schrecken und Mitleidenbetrachtete und mich endlich fragte, wie es komme, daß wir heutzutage