Druckschrift 
10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

218 Französische Zustände, II,

keine solchen Bauwerke mehr zu stände bringen, antwortete ich ihm:„Teurer Alphonse, die Menschen in jener alten Zeit hatten üher-zeugnngcn, wir Neueren haben nur Meinungen, und es gehört etwasmehr als eine bloße Meinung dazu, um so einen gotischen Domaufzurichten,"

Das ist es, Meyerbeer ist ein Manu der Überzeugung, Diesesbezieht sich aber nicht eigentlich auf die Tagesfragen der Gesellschaft,obgleich auch in diesem Betracht bei Meyerbeer die Gesinnungen festerbegründet stehen, als bei anderen Künstlern, Meyerbeer, den dieFürsten dieser Erde mit allen möglichen Ehrenbezeigungen über-schütten, und der auch für diese Auszeichnungen so viel Sinn bat,trägt doch ein Herz in der Brust, welches für die heiligsten Interessender Menschheit glüht, und unumwunden gesteht er seinen Kultus fürdie Helden der Revolution, Es ist ein Glück für ihn, daß manchenordischen Behörden keine Musik verstehen, sie würden sonst in denHugenotten nicht bloß einen Parteiknmps zwischen Protestanten undKatholiken erblicken. Aber dennoch sind seine Überzeugungen nichteigentlich politischer und noch weniger religiöser Art: nein, auch nichtreligiöser Art, seine Religion ist nur negativ, sie besteht nur darin,daß er, ungleich anderen Künstlern, vielleicht aus Stolz, seine Lippenmit keiner Lüge beflecken will, daß er gewisse zudringliche Segnungenablehnt, deren Annahme immer als eine zweideutige, nie als einegroßmütige Handlung betrachtet werden kann. Die eigentliche Re!igion Meyerbeers ist die Religion Mozarts,, Glucks, Beethovens, eSist die Musik; nur an diese glaubt er, nur in diesem Glaube» findeter seine Seligkeit und lebt er mit einer Überzeugung, die den Über-zeugungen früherer Jahrhunderte ähnlich ist an Tiefe, Leidenschaftund Ausdauer, Ja, ich möchte sagen, er ist Apostel dieser Religion,Wie mit apostolischem Eifer und Drang behandelte er alles, was seineMusik betrifft. Während andere Künstler zufrieden sind, wenn sieetwas Schönes geschaffen haben, ja nicht selten alles Interesse fürihr Werk verlieren, sobald es fertig ist, so beginnt im Gegenteil beiMeyerbeer die größere Kindesnot erst nach der Entbindung, er gicbtsich alsdann nicht zufrieden, bis die Schöpfung seines Geistes sichauch glänzend dem übrigen Volke offenbart, bis das ganze Publikumvon seiner Musik erbaut wird, bis seine Oper in alle Herzen die Ge-fühle gegossen, die er der ganzen Welt predigen will, bis er mit derganzen Menschheit kommnniziert hat. Wie der Apostel, um eineeinzige verlorene Seele zu retten, weder Mühe noch Schmerzen achtet,so wird auch Meyerbeer, erfährt er, daß irgend jemand seine Musikverleugnet, ihm unermüdlich nachstellen, bis er ihn zu sich bekehrt hat;und das einzige gerettete Lamm, und sei es auch die unbedeutendsteFeuillctonistcnseele, ist ihm dann lieber als die ganze Herde vonGläubigen, die ihn immer mit orthodoxer Treue verehrten.