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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französvche Bühne.

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versichert, es gehört viel Talent dazu. Sein Bruder übt es jetztschon seit fünfzehn Jahren und brachte es darin zu einer solchenVirtuosität, daß er nur einen einzigen seiner feineren, halbgedämpftcn,halbcntschlüpsten Fistellaute anzuschlagen braucht, um die Bienge inein volles Jauchzen ausbrechen zu lassen. „Er ist ein Mann vonTalent," setzte mein Barbier hinzu, „und er verdient mehr Geld,als ich; denn außerdem ist er noch als Leidtragender bei den Lomxestunslwss angestellt, und er hat des Morgens oft fünf bis sechsLeichenzüge, wo er, in seiner rabenschwarzen Trauerkleidung mitweißem Taschentuch und betrübtem Gesichte, so weinerlich aussehen kann,daß mau schwören sollte, er folge dem Sarge seines eigenen Vaters."

Wahrlich, lieber Lcwald, ich habe Respekt vor dieser Vielseitigkeit,doch wäre ich auch derselben sähig, für alles Geld in der Welt möchteich nicht die Ämter dieses Mannes übernehmen. Denken Sie sich,wie schrecklich es ist, an einem Frühlingsmvrgcn, wenn man ebenseinen vergnügten Kaffee getrunken und die Sonne einem froh insHerz lacht, schon gleich eine Leichenbittermiene vorzunehmen undThränen zu vergießen für irgend einen abgeschiedenen Gewürzkrämer,den man vielleicht gar nicht kennt, und dessen Tod einem nur er-freulich sein kann, weil er dem Leidtragenden sieben Frank undzehn Sou einträgt. Und dann, wenn man sechsmal vom Kirchhofezurückgekehrt und todmüde und sterbensverdrießlich und ernsthaft ist,soll man noch den ganzen Abend lachen über alle schlechten Witze,die man schon so oft belacht hat, lachen mit dem ganzen Gesichte,mit jeder Binokel, mit allen Krämpfen deS Leibes und der Seele,um ein blasiertes Parterre zum Mitgelächter zu stimulieren. . .Das ist entsetzlich! Ich möchte lieber König von Frankreich sein.

Neunter Brief.

Aber was ist die Musik? Diese Frage hat mich gestern abend vordem Einschlafen stundenlang beschäftigt. Es hat mit der Musik einewunderliche Bewandtnis; ich möchte sagen: sie ist ein Wunder. Sic stehtzwischen Gedanken und Erscheinung; als dämmernde Vermittlerin stehtsie zwischen Geist und Materie; sie ist beiden verwandt und doch vonbeiden verschieden; sie ist Geist, aber Geist, welcher eines Zeitmaßesbedarf; sie ist Materie, aber Materie, die des Raumes entbehren kann.

Wir wissen nicht, was Musik ist. Aber was gute Musik ist,das wissen wir, und noch besser wissen wir, was schlechte Musik ist;denn von letzterer ist uns eine größere Menge zu Ohren gekommen.Die musikalische Kritik kann sich nur auf Erfahrung, nicht ans eineSynthese stützen; sie sollte die musikalischen Werke nur nach ihrenÄhnlichkeiten klassifizieren und den Eindruck, den sie ans die Gesamt-heit hervorgebracht, als Maßstab annehmen.

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