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10 (1898) Französische Zustände : 2
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212 Französische Zustände, 11.

Nichts ist unzulänglicher als das Thevretisieren in der Musik',hier giebt es freilich Gesetze, mathematisch bestimmte Gesetze, aberdiese Gesetze sind nicht die Musik, sondern ihre Bedingnisse, wie dieKunst des Zeichnens und die Farbenlehre, oder gar Palette undPinsel, nicht die Malerei sind, sondern nur notwendige Mittel, DasWesen der Musik ist Offenbarung, es läßt sich keine Rechenschaftdavon geben, und die wahre musikalische Kritik ist eine Ersahrnngs-wisseuschast.

Ich kenne nichts Unerquicklicheres, als eine Kritik von MonsieurFetis, oder von seinem Sohne, Monsieur Fötus, wo s, priori, ausletzten Gründen, einem musikalischen Werke sein Wert ab- oder zu-räsonniert wird. Dergleichen Kritiken, abgefaßt in einem gewissenArgot und gespickt mit technischen Ausdrücken, die nicht der allgemeingebildeten Welt, sondern nur den exekutierenden Künstlern bekanntsind, geben jenem leeren Gewäsche ein gewisses Ansehen bei der großenMenge, Wie mein Freund Detmold in Beziehung auf die Malereiein Handbuch geschrieben hat, wodurch man in zwei Stunden zurKunstkcnnerschaft gelangt, so sollte jemand ein ähnliches Büchlein inBeziehung auf die Musik schreiben und, durch ein ironisches Vokabularder musikalischen Kritikphrasen und der Orchestcrjargons, dem hohlenHandwerke eines Fetis und eines Fötus ein Ende mache». Die besteMusikkritik, die einzige, die vielleicht etwas beweist, hörte ich vorigesJahr in Marseille an der Table d'hote, wo zwei Commis-Vvyagcursüber daS Tagesthema, ob Rvssini oder Meycrbecr der größte Meistersei, disputierten. Sobald der eine dem Italiener die höchste Vortresflichkeit zusprach, opponierte der andere, aber nicht mit trockenenWorten, sondern er trillerte einige besonders schöne Melodien auöRobert le Diable, Hierauf wußte der erstere nicht schlagender zurepartieren, als indem er eifrig einige Fetzen aus dem Barbiere deSeviglia entgegensang, und so trieben sie es beide während derganzen Tischzeit; statt eines lärmenden Austausches von nichtssagendenRedensarten gaben sie uns die köstlichste Tafelmusik, und am Endemußte ich gestehen, daß man über Musik entweder gar nicht odernur auf diese realistische Weise disputieren sollte,

Sie merken, teurer Freund, daß ich Sic mit keinen herkömm-lichen Phrasen in betreff der Oper belästigen werde. Doch bei Be-sprechung der französischen Bühne kann ich letztere nicht ganz unerwähntlassen. Auch keine vergleichende Diskussion über Rvssini und Meycr-becr, in gewöhnlicher Weise, haben Sie von mir zu befürchten. Ichbeschränke mich darauf, beide zu lieben, und keinen von beiden liebeich auf Unkosten des anderen. Wenn ich mit erstercm vielleicht mehrnoch als mit letzterem sympathisiere, so ist das nur ein Privatgefühl,keineswegs ein Anerkenntnis größeren Wertes, Vielleicht sind eseben Untugenden, welche manchen entsprechendeil Untugenden in mir