21ö Französische Zustände, II,
den ihr Luxus und die schlechte Wirtschast iu Armut stürzen. Umden Lebensunterhalt für seine Familie zu gewinnen, muß der Un-glückliche endlich an der Barriere eine Tanzbude für Lumpengesindeleröffnen. Wenn die Quadrille nicht vollzählig ist, laßt er sein sieben-jähriges Söhnchen mittanzen, und das Kind weiß schon seine Pasmit den liederlichsten Pantomimen deS ChahütS zu variieren. Sofindet ihn ein Freund, und während der arme Mann, mit der Violinein der Hand, fiedelnd und springend die Touren angiebt, findet ermanchmal eine Zwischenpause, wo er dem Ankömmling seine Ehestandsnöten erzählen kann. Es giebt nichts Schmerzlicheres, als der Kontrastder Erzählung und der gleichzeitigen Beschäftigung des Erzählers,der seine Leidensgeschichte oft unterbrechen mnß, um mit einemallasss?! oder sn avant cksnx! in die Tanzreihen einzuspringen undmitzutanzen. Die Tanzmusik, die melodramatisch jenen Ehestands-gcschichten als Accvmpagncment dient, diese sonst so heiteren Töneschneiden einem hier ironisch gräßlich ins Herz, Ich habe nicht indas Gelächter der Zuschauer einstimmen können. Gelacht habe ichnur über den Schwiegervater, einen alten Trunkenbold, der all' seinHab und Gut verschluckt und endlich betteln gehen mnß. Aber erbettelt höchst humoristisch. Er ist ein dicker Faulwanst mit einemrvtversoffencn Gesichte, und an einem Seile führt er einen räudigenblinden Hund, welchen er seinen Belisar nennt. Der Mensch, be-hauptet er, sei undankbar gegen die Hunde, die den blinden Menschenso oft als getreue Führer dienten; er aber wolle diesen Bestien ihreMenschenliebe vergelten, und er diene jetzt als Führer seinem armenBelisar, seinem blinden Hund,
Ich habe so herzlich gelacht, daß die Umstehenden mich gewißfür den Chatonillcur des Theaters hielten.
Wissen Sic, was ein Chatvuilleur ist? Ich selber kenne die Be-deutung dieses Wortes erst seit kurzem, und verdanke diese Belehrungmeinem Barbier, dessen Bruder als Chatonillcur bei einem BonlevardS-theater angestellt ist. Er wird nämlich dafür bezahlt, daß er bei derVorstellung von Lustspielen jedesmal, wenn ein guter Wisz gerissenwird, laut lacht und die Lachlust des Publikums aufreizt. Diesesist ein sehr wichtiges Amt, und der Sncceß von vielen Lustspielenhängt davon ab. Denn manchmal sind die guten Witze sehr schlecht,und das Publikum würde durchaus nicht lachen, wenn nicht derChatonillenr die Kunst verstände, durch allerlei Modulationen seinesLachens, vom leisesten Kichern bis zum herzlichsten Wonnegrnnzcn,das Mitgclächtcr der Menge zu erzwingen. Das Lachen hat einenepidemischen Charakter wie das Gähnen, und ich empfehle Ihne» fürdie deutsche Bühne die Einführung eines Chatonillcurs, eines Vor-lachers, Vvrgähner besitze» Sic dort gewiß genug. Aber es istnicht leicht, jenes Amt zu verrichten, und, wie mir mein Barbier