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10 (1898) Französische Zustände : 2
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208 Französische Zustände. II.

es einige hundert Vorstellungen. Ehrlich gesagt, der Verstand stehtmir still, wenn ich den letzten Gründen dieses kolossalen Beifallsnachsinne. DaS Stück ist mittelmäßig, mv nicht gar ganz schlecht.Voll Handlung, wovon aber die eine über den Kopf der andernstolpert, so daß ein Effekt dem andern den Hals bricht. Der Gedanke,worin sich der ganze Spektakel bewegt, ist eng, und weder ein Charakternoch eine Situation kann sich natürlich entwickeln und entfalten.Dieses Aufeinandertürmen von Stoff ist zwar schon bei den vorher-genannten Bühnendichtern in unerträglichem Grade zu finden; aberder Verfasser des „Gaspardv" hat sie beide noch überboten. Indessen,das ist Vorsatz, das ist Prinzip, wie mir einige jnnge Dramaturgenversichern, durch dieses Znsamnienhänfen von heterogenen Stoffen,Zeitperioden und Lokalen unterscheidet sich der jetzige Romantikervon den ehemaligen Klassikern, die in den geschlossenen Schrankendes Dramas auf die Einheit der Zeit, deS Ortes und der Handlungso strenge hielten.

Haben diese Neuerer wirklich die Grenzen des französischenTheaters erweitert? Ich weiß nicht. Aber diese französischen Bühnen-dichter mahnen mich immer an den Kerkermeister, welcher über dieEnge des Gefängnisses sich beklagte, und, um den Raum desselbenzu erweitern, kein besseres Mittel wußte, als daß er immer mehrund mehr Gefangene hineinsperrte, die aber, statt die Kerkcrwttudeauszudehnen, nur einander erdrückten.

Nachträglich erwähne ich, daß auch in „Gaspardv" und „EulalieGranger", wie in allen dionysischen Spielen des Boulevards, dieEhe als Sllndcnbock geschlachtet wird.

Ich möchte Ihnen gern noch, lieber Freund, von einigen andernBühnendichtern des Boulevards berichten, aber wenn sie auch dannund wann ein verdauliches Stück liefern, so zeigt sich darin nureine Leichtigkeit der Behandlung, die wir bei allen Franzosen finden,keineswegs aber eine Eigentümlichkeit der Auffassung. Auch habeich nur die Stücke gesehen und gleich vergessen, und mich nie danacherkundigt, wie ihre Autoren hießen. Zum Ersätze aber will ich Ihnendie Namen der Eunuchen mitteile», die dem König Ahasvcros inSusa als Kämmerer dienten; sie hießen: Mehumau, Bistha, Harbona,Bigtha, Abagtha, Sethar und Chartas.

Die Theater des Boulevards, von denen ich eben sprach, unddie ich in diesen Briefen beständig im Sinne , hatte, sind die eigent-lichen Bolkstheatcr, welche an der Porte Saint Martin anfangen,und dem Boulevard du Tcmple cutlaug in immer absteigendem Wertesich aufgestellt haben. Ja, diese lokale Rangordnung ist ganz richtig.Erst kommt das Schauspielhaus, welches den Namen der Porte Saint-Martin führt und für das Drama gewiß das beste Theater von Parisist, die Werke von Hugo und DumaS am vortrefflichsten giebt und