206 Französische Zustände, Ii,
die unsrige ist Lüge, Da ist ein herkömmliches Gegreine auf unseremTheater, wodurch mir oft die besten Stücke von Schiller verleidet wurde»,besonders bei sentimentalen Stellen, wo unsere Schauspielerinnen inein wässeriges Gesinge zerschmelzen, wovon Gnbitz sagt: „Sie p—ss—nmit dem Herzen," Doch wir wollen von deutschen Schauspielerinnennichts Böses sagen, sie sind ja meine Landsmänninnen, und dannhaben ja die Gänse das Kapitol gerettet, und dann giebt es auchso viele ordentliche Francnzimmer darunter, und endlich , , , ich werdehier unterbrochen von dem Tenfelslärm, der vor meinem Fenster,auf dem Kirchhofe, loS ist,
. , , Bei den Knaben, die eben noch so friedlich um den großenBaum herumtanzten, regte sich der alte Adam, oder vielmehr deralte Kain, und sie begannen sich untereinander zu balgen. Ich mußte,um die Ruhe wieder herzustellen, zu ihnen hinaustreten, und kaumgelang es mir, sie mit Worten zu beschwichtigen. Da war ein kleinerJunge, der mit ganz besonderer Wut ans den Rücken eines andernkleinen Jungen losschlug. Als ich ihn frng: WaS hat dir das armeKind gethan? sah er mich großäugig an und stotterte: „Es ist jamein Bruder?"
Auch in meinem Hause blüht heute nichts weniger als der ewigeFriede, Ans dem Korridor hörte ich eben einen Spektakel, als sieleeine Klopstocksche Ode die Treppe herunter, Wirt und Wirtin zankensich, und letztere macht ihrem armen Mann den Vorwurf, er sei einVerschwender, er verzehre ihr Heiratsgnt, und sie stürbe vor Kummer.Krank ist sie freilich, aber vor Geiz, Jeder Bissen, den ihr Alaunin den Mund steckt, bekommt ihr schlecht. Und dann auch, wenn ihrMann seine Medizin einnimmt und etwas in den Flaschen übrigläßt, pflegt sie selber diese Neste zu verschlucken, damit kein Tropfenvon der teuren Medizin verloren gehe, und davon wird sie krank.Der arme Mann, ein Schneider von Nation und seines Handwerksein Deutscher, hat sich aufs Land zurückgezogen, um seine übrigenTage in ländlicher Ruhe zu genießen, Diese Ruhe findet er abergewiß nur auf dem Grabe seiner Gattin, Deshalb vielleicht hat ersich ein Hans neben dem Kirchhof gekauft, und schaut er so sehnsuchts-voll nach den Ruhestätten der Abgeschiedenen, Sein einziges Ver-gnügen besteht in Tabak und Rosen, und von letzteren weiß er dieschönsten Gattungen zu ziehen. Er hat diesen Mvrgen einige Töpfemil Nosenstöcken in daS Parterre vor meinem Fenster eingepflanzt,Sie blühen wunderschön. Aber, liebster Leivald, fragen Sic dochIhre Frau, warum diese Rosen nicht duften? Entweder haben dieseRosen den Schnupfen, oder ich.