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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Wer die französische Bühne.

löö

Zech st er Brief.

Mein teurer, innig geliebter Freund! Mir ist, als trüge ichdiesen Morgen einen Kranz von Mohnblumen auf dem Haupte, derall mein Sinnen und Denken einschläfert. Unwirsch rüttle ich manch-inal den Kops, und dann erwachen wohl darin hier und da einige Ge-danken, aber gleich nicken sie wieder ein und schnarchen um die Wette.Die Witze, die Flöhe deS GehirnS, die zwischen den schlummerndenGedanken umherspringen, zeigen sich ebenfalls nicht besonders munter,und sind vielmehr sentimental und träge. Ist es die Frühlingsluft,die dergleichen Kopfbetänbnngen verursacht, oder die veränderte Lebens-art? Hier geh' ich abends schon um neun Uhr zu Bette, ohne müdezu sein, genieße dann keinen gesunden Schlaf, der alle Glieder bindet,sondern wälze mich die ganze Nacht in einem traumsüchtigen Halb-schlummer. In Paris hingegen, wo ich mich erst einige Stundennach Mitternacht zur Ruhe begeben konnte, war mein Schlaf wievon Eisen. Kam ich doch erst um acht Uhr vom Tische, und dannrollten wir ins Theater. Der Dr. Detmold ans Hannover, der denverflossenen Winter in Paris zubrachte und uns immer ins Theaterbegleitete, hielt uns munter, wenn die Stücke auch noch so ein-schläfernd. Wir haben viel zusammen gelacht und kritisiert und medisiert.Seien Sic ruhig, Liebster, Ihrer wurde nur mit der schönsten An-erkenntnis gedacht. Wir zollten Ihnen das freudigste Lob.

Sic wundern sich, daß ich sv oft ins Theater gegangen; Siewissen, der Besuch des Schauspielhauses gehört nicht eben zu meinenGewohnheiten. Aus Kaprice enthielt ich mich diesen Winter desSalonlebens, und damit die Freunde, bei denen ich selten erschien,mich nicht im Theater sähen, wählte ich gewöhnlich eine Avantscene,in deren Ecke man sich am besten den Augen des Publikums ver-bergen kann. Diese Avantscenen sind auch außerdem meine Lieb-lingsplätze. Mau sieht hier nicht bloß, was auf dem Theater gespieltwird, sondern auch was hinter den Coulissen vorgeht, hinter jenenEoulisscn, wo die Kunst aufhört und die liebe Natur wieder anfängt.Wen» ans der Bühne irgend eine Pathetische Tragödie zu schauen ist,und zu gleicher Zeit von dem liederlichen Kvmödinntentreiben hinterden Coulissen hie und da ein Stück zum Vorschein kommt, so mahntdergleichen an antike Wandbilder oder an die Fresken der MünchenerGlyptothek und mancher italienischer Palazzvs, wo in den Ausschnitt-Ecken der großen historischen Gemälde lauter possierliche Arabesken,lachende Göttcrspäße, Bacchanalien und Sathridyllen angebracht sind.

DaS TlMtre FrnnpaiS besuchte ich sehr wenig; dieses Haus hatfür mich etwas Ödes, Unerfreuliches. Hier spuken noch die Gespensterder alten Tragödie, mit Dolch und Giftbecher in den bleichen Händen;hier stäubt noch der Puder der klassischen Perücken. Daß man auf

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