196 Französische Zustünde. II.
diesem klassischen Boden manchmal der modernen Romantik ihre tollenSpiele erlaubt, oder daß man den Anforderungen des älteren unddes jüngeren Publikums durch eine Mischung des Klassischen undRomantischen entgegenkommt, daß mau gleichsam ein tragischesJuste-Milieu gebildet hat, das ist am unerträglichsten. Diese französischenTragödiendichter sind emancipiertc Sklaven, die immer noch ein Stückder alten klassischen Kette mit sich herumschleppen; ein feines Ohrhört bei jedem ihrer Tritte noch immer ein Geklirre, wie zur Zeitder Herrschaft Agamemnons und Talmas.
Ich bin weit davon entfernt, die ältere französische Tragödieunbedingt zu verwerfen. Ich ehre Corneille und liebe Racine. Siehaben Meisterwerke geliefert, die auf ewigen Postamenten stehe» bleibenim Tempel der Kunst. Aber für das Thealer ist ihre Zeil vorüber,sie haben ihre Sendung erfüllt vor einem Publikum von Edcllcuteu,die sich gern für Erben des älteren Heroismus hielten, oder wenigstensdiesen Heroismus nicht kleinbürgerlich verwarfen. Auch noch unterdem Empire konnten die Helden von Corneille und Racine auf diegrößte Shmpathie rechnen, damals, wo sie vor der Loge des großenKaisers und vor einem Parterre von Königen spielten. Diese Zeitensind vorbei, die alte Aristokratie ist tot, und Napoleon ist tot, undder Thron ist nichts als ein gewöhnlicher Holzstuhl, überzogen mitrotem Sammet, und heute herrscht, die Bourgeoisie, die Helden desPaul de Kock und des Eugene Scribc.
Ein Zwitterstil und eine Geschmacksanarchie, wie sie im ThsntrcFranxais vorwalten, ist greulich. Die meisten Novatoren neigen sichgar zu einem Naturalismus, der für die höhere Tragödie ebensoverwerflich ist, wie die hohle Nachahmung deS klassischen Pathos.Sie kennen zur Genüge, lieber Lewald, das Natürlichkcitsshstem, denJfflaudianiSmuS, der einst in Deutschland grassierte, und von Weimarans, besonders durch den Einfluß von Schiller und Goethe, besiegtwurde. Ein solches Nalürlichkeitsshstem will sich auch hier ausbreiten,und seine Anhänger eifern gegen metrische Form und gemessenenBortrag. Wenn erstere nur in dem Alexandriner und letzterer nurin dein Zitlergcgrvhle der älteren Periode bestehen soll, so hättendiese Leute rechst und die schlichte Prosa und der nüchternste Gesellschaftston wären ersprießlicher für die Bühne. Aber die wahreTragödie muß alsdann untergehen. Diese fordert Rhythmus derSprache und eine von dem GescllschaftSton verschiedene Deklamation.Ich möchte dergleichen fast für alle dramatische Erzeugnisse in Anspruchnehmen. Wenigstens sei die Bühne niemals eine banale Wiederholung des Lebens, und sie zeige dasselbe in einer gewissen vornehmen Veredlung, die sich, wenn auch nicht in Wortmnß und Bortrag,doch in dem Grundtou, in der inneren Feierlichkeit eines Stückes,ausspricht. Denn das Theater ist eine andere Welt, die von der