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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Uber die französische Bühne.

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elegisch-sentimentalen Ton, der selbst einen Deutschen rühren könnte.Den schlechten Texten solcher LlornjUaintss sind nämlich alsdann jenebekannten Melodien untergelegt, womit das Volk seine Napoleons-lieder absingt. Diese letzteren ertönen hier an allen Orten, mansollte glauben, sie schwebten in der Luft oder die Vögel sängen sie inden Baümzweigen. Mir liegen beständig diese elegisch sentünentalcnMelodien im Sinn, wie ich sie von jungen Mädchen, kleinen Kindern,verkrüppelten Soldaten, mit allerlei Begleitungen und allerleiVariationen singen hörte. Am rührendsten sang sie der blindeInvalide ans der Citadelle, von Dieppe. Meine Wohnung lag dichtam Fuße jener Citadelle wo sie ins Meer hinausragt, und dortans dem dunklen Gemäuer saß er ganze Nächte, der Alte, und sangdie Thatcn des Kaisers Napoleon. Das Meer schien seinen Gesängenzu lauschen, das Wort Oloirs zog immer so feierlich über die Wellen,die manchmal wie vor Bewunderung aufrauschten und dann wiederstill weiter zogen ihren nächtlichen Weg . . . Wenn sie nach SanktHelena kamen, grüßten sie vielleicht ehrfurchtsvoll den tragischenFelsen oder brandeten dort mit schmerzlichem Unmut. Wie mancheNacht stand ich am Fenster und horchte ihm zu, dem alten Invalidenvon Dieppe. Ich kann seiner nicht vergessen. Ich sehe ihn nochimmer sitzen auf dem alten Gemäuer, mährend ans den dunklenWolken der Mond hervortrat und ihn wehmütig beleuchtete, denOssian des Kaiserreichs.

Von welcher Bedeutung Napoleon einst für die französische Bühnesein wird, läßt sich gar nicht ermessen. Bis jetzt sah man den Kaisernur in Vaudevillcn oder großen Spektakel- und Dekorationsstücken.Aber eS ist die Göttin der Tragödie, welche diese hohe Gestalt alsrechtmäßiges Eigentum in Anspruch nimmt. Ist es doch, als habejene Fortuna, die sein Leben so sonderbar lenkte, ihn zu einem ganzbesonderen Geschenk für ihre Cousine Melpomcne bestimmt. DieTragödiendichter aller Zeiten werden die Schicksale dieses Mannes inVersen und Prosa verherrlichen. Die französischen Dichter sind jedochganz besonders an diesen Helden gewiesen, da das französische Volkmit seiner ganzen Vergangenheit gebrochen hat, für die Helden derfeudalistischen und eonrtisancsken Zeit der Vnlois und Bvnrbonenkeine wohlwollende Snmpathic, wo nicht gar eine häßliche Antipathieempfindet, und Napoleon, der Sohn der Revolution, die einzige großeHerrschcrgestalt, der einzige königliche Held ist, woran das neue Frank-reich sein volles Herz weiden kann.

Hier habe ich beiläufig von einer andern Seite angedeutet, daßder politische Instand der Franzose» dem Gedeihen ihrer Tragödienicht günstig sein kann. Wenn sie geschichtliche Stoffe anS dem Mittel-alter oder anS der Zeit der letzten Bvnrbonen behandeln, so könnensie sich deS Einflusses eines gewissen Pnrteigeistes nimmermehr er-Hcine'S Werte. X. V). 13