192 Französische Zustande, II,
ihn nun ob semer schlechten Wirtschaft manchmal ausschält, so ver-sicherte er immer, man möge ihm nur genug Branntwein zu trinkengeben, und sein ganzer Haushalt würde bald ein glänzenderes Ansehen gewinnen. Statt Branntwein war es Ruhm, Ehrgier undErvberungslust, was jene Bonapartisten so sehr berauschte, daß siedie wirkliche Gestalt der Dinge während der Kaiserzeit nicht sahen,und jetzt, bei jeder Gelegenheit, wo eine Klage über schlechte Zeilenlaut wird, rufen sie immer: „Das würde sich gleich ändern, Frank-reich würde blühen und glänzen, wenn man uns wieder wie sonstzu trinken gäbe: Ehrenkreuze, Epaulettc, Oontributrons voloutairos,spanische Gemälde, Herzogtümer in vollen Zügen,"
Wie dem aber auch sei, nicht bloß die alten Bonapartisten,sondern auch die große Masse des BolkeS wiegt sich gern in diesenIllusionen, und die Tage deS Kaiserreichs sind die Poesie dieser Leute,eine Poesie, die noch dazu Opposition bildet gegen die GeistcSniichlcrn-heit des siegenden Bllrgerstandes, Der Heroismus der imperialenHerrschaft ist der einzige, wofür die Franzosen noch empfänglich sind,und Napoleon ist der einzige Heros, an den sie noch glauben.
Wenn Sie dieses erwägen, teurer Freund, so begreifen Sie auchseine Geltung für das französische Theater und den Erfolg, womitdie hiesigen Bühnendichter diese einzige, in der Sandwüstc des Jn-differentismus einzige Quelle der Begeisterung so oft ausbenten.Wenn in den kleinen Vaudevilles der Boulevards-Theater eine Sceneaus der Kaiserzeit dargestellt wird, oder gar der Kaiser in Personauftritt, dann mag das Stück auch noch so schlecht sein, es fehlt dochnicht an Beifallsbezeigungen; denn die Seele der Zuschauer spielt mit,und sie applaudieren ihren eigenen Gefühlen und Erinnerungen, Dagiebt es Couplets, worin Stichworte sind, die wie betäubende Kolbenschlage auf das Gehirn eines Franzosen, andere, die wie Zwiebelnauf seine Thräncndriisen wirken. Das jauchzt, das weint, das flammtbei den Worten: ^.lAis Iransais, solsil cl '^.ustsrlrt?, llona, laspzwamülss, la Arancls armüo, l'Ironnsur, la visills Aurels, Ilapo-lson , . , oder wenn gar der Mann selber, Illrornms, zum Vorscheinkommt am Ende des Stückes, als Oieux sx rnaebina! Er hat immerdas Wiinschclhiitchen auf dem Kopfe und die Hände hinterm Rücken,und spricht so lakonisch als möglich. Er singt nie. Ich habe nieein Vandeville gesehen, worin Napoleon gesungen. Alle anderesingen. Ich habe sogar den alten Fritz, ?rscisris Is (lrancl, inVaudevilles singen hören, und zwar sang er so schlechte Verse, daßman schier glauben konnte, er habe sie selbst gedichtet.
In der That, die Verse dieses Vandeville sind spottschlecht, abernicht die Musik, namentlich in den Stücken, wo alte Stelzfüße dieFeldherrngröße und das kummervolle Ende des Kaisers besingen.Die graziöse Leichtfertigkeit des Vaudevilles geht dann über in einen