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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
191
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Über die französische Bühne,

ISl

Nicou stand Schildwache vor den Gemächern des Papstes, als dieser,wie gewöhnlich, um in der Schloßkapelle Messe zu lesen, durch dengroßen Saal wandern wollte. Aber Ricou trat vor ihn und erklärte,daß er die Konsignc erhalten, den heiligen Vater nicht durchzulassen.Vergebens suchten einige Priester, die sich im Gefolge des Papstesbefanden, ihm zu bedeuten, welch einen Frevel, welche Sünde, welcheVerdammnis er ans sich lade, wenn er Seine Heiligkeit, das Ober-haupt der Kirche, verhindere, Messe zu lesen , , , Aber Ricon bliebunerschütterlich, er berief sich immer auf die Unmöglichkeit, seineKonsigne zn brechen, und als der Papst dennoch weiter schreitenwollte, rief er entschlossen: ,^.u nom eis I'Lmpsrsur!" und triebihn mit vorgehaltenem Bajonette zurück. Nach einigen Tagen wurdeder strenge Befehl wieder aufgehoben, und der Papst durfte, wiefrüherhin, um Messe zn lesen, den großen Saal durchwandern. AllenAnwesenden gab er dann wieder den Segen, nur nicht dem armenRicou, den er seitdem immer mit strengem Strafblicke ansah unddem er den Rücken kehrte, während er gegen die übrigen die segnendeHand ausstreckte. „Und doch konnte ich nicht anders handeln," —setzte der alte Invalide hinzu, als er mir diese entsetzliche Geschichteerzählte, — „ich konnte nicht anders Handel», ich halte meine Konsigne,ich mußte dem Kaiser gehorchen; und ans seinen Befehl — Gott ver-zeih mir's! — hätte ich dem lieben Gott selber das Bajonett durchden Leib gerannt."

Ich habe dem armen Schelm versichert, daß der Kaiser für alleSünden der großen Armee verantwortlich sei, was ihm aber wenigschaden könne, da kein Teufel in der Hölle sich unterstehen würde,den Napoleon anzutasten. Der Alte gab mir gern Beifall und er-zählte, wie gewöhnlich, mit geschwätziger Begeisterung von der Herr-lichkeit des Kaiserreichs, der imperialen Zeit, wo alles so goldströmeudund blühend, statt daß heutzutage die ganze Welt so ivclk und ab-gefärbt aussieht.

War wirklich die Zeit deS Kaiserreichs in Frankreich so schön undbeglückend, wie diese Bvnapartisten, klein und groß, vom InvalidenRicon bis zur Herzogin von Abrantcs, uns vorzuprnhlen Pflegen?Ich glaube nicht. Die Äcker lagen brach, und die Menschen wurdenzur Schlachtbank geführt. Überall Mntterthränen und häusliche Ver-ödung. Aber es geht diesen Bvnapartisten wie dein versoffenenBettler, der die scharfsinnige Bemerkung gemacht hatte, daß, so langeer nüchtern blieb, seine Wohnung nur eine erbärmliche Hütte, seinWeib in Linnpen gehüllt und sein Kind krank und hungrig war, daßaber, sobald er einige Gläser Branntwein getrunken, dieses ganzeElend sich plötzlich änderte, seine Hütte sich in einen Palast ver-wandelte, sein Weib wie eine geputzte Prinzessin aussah, und seinKind wie die wohlgenährteste Gesundheit ihn anlachte. Wenn man