190 Franziisische Zustände. 17.
seine Augen sind rot, und allem Anschein nach hat der alte Kauzgeweint.
Aber er war gestern abend bei Francvui und hat dort dieSchlacht bei Nusterlitz gesehen. Um Mitternacht verließ er Paris,und die Erinnerungen beschäftigten seine Seele so übermächtig, daßer wie somnambul die ganze Nacht durchmarschierte und zu seinereigenen Verwunderung diesen Mvrgen im Dorfe anlaugte. Er hatmir die Fehler deS Stückes auseinandergesetzt, denn er war selber beiAnsterlitz, wo das Wetter so kalt gewesen, daß ihm die Flinte anden Fingern festfror; bei Francvni hingegen konnte man es vor Hitzenicht > »Spalten. Mit dem Pulverdnmpf war er sehr zufrieden, auchmit dem Gerüche der Pferde; nur behauptete er, daß die Kavalleriebei Ansterlitz keine so gut dressierte Schimmel besessen. Ob dasManöver der Infanterie ganz richtig dargestellt worden, wußte ernicht genau zu beurteilen, den» bei Ansterlitz, wie bei jeder Schlacht,sei der Pulvcrdampf so stark gewesen, daß man kaum sah, was ganzin der Nähe vorging. Der Pulverdampf bei Franconi war aber,wie der Alte sagte, ganz vortrefflich, und schlug ihm so angenehmauf die Brust, daß er dadurch von seinem Husten geheilt ward. „Undder Kaiser?" fragte ich ihn. „Der Kaiser," antwortete der Alte,„war ganz unverändert, wie er leibte und lebte, in seiner grauenKapotc mit dem dreieckigen Hütchen, und das Herz pochte mir in derBrust. Ach, der Kaiser," fetzte der Alte hinzu, „Gott weiß, wie ich ihnliebe, ich bin oft genug in diesem Leben für ihn ins Feuer gegangen,und sogar nach dem Tode muß ich für ihn ins Feuer gehen!"
Den letzten Zusatz sprach Ricou, so heißt der Alte, mit einemgeheimnisvoll düsteren Tone, und schon mehrmals hatte ich von ihmdie Äußerung vernommen, daß er einst für den Kaiser in die Höllekäme. Als ich heute ernsthaft in ihn . drang, mir diese rätselhaftenWorte zu erklären, erzählte er mir folgende entsetzliche Geschichtet
Als Napoleon den Papst PinS VII. von Rom wegführen undnach dem hohen Bergschlosse von Sabona bringen ließ, gehörte Ricouzu einer Kompagnie Grenadiere, die ihn dort bewachten. Aufaugsgewährte man dem Papste manche Freiheiten; ungehindert konnte erzu beliebigen Stunden seine Gemächer verlassen und sich nach derSchloßkapelle begeben, wo er täglich selber Messe las. Wenn er danndurch den großen Saal schritt, wo die kaiserliche» Grenadiere Wachehielten, streckte er die Hand nach ihnen ans und gab ihnen den Segen.Aber eines Morgens erhielten die Grenadiere bestimmten Befehl, denAusgang der päpstlichen Gemächer strenger als vorher zu bewachenund dem Papst den Durchgang im großen Saale zu versagen. Un-glücklicherweise traf just Ricou'das Los, diesen Befehl auszuführen,ihn, welcher Bretagncr von Geburt, also erzkatholisch war und indem gefangenen Papste den Statthalter Christi verehrte. Der arme